Donnerstag, 20. September 2018

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Sommeruni für weibliche Flüchtlinge an der Hochschule Koblenz zeigte Möglichkeiten im MINT-Bereich auf

KOBLENZ. Sie löteten und programmierten, sie rechneten mit großer Begeisterung ihre Blöcke voll und sie erklommen das Campusdach, um sich die Photovoltaik-Anlage der Hochschule Koblenz anzusehen. Dazwischen tauchten sie ein in die deutsche Kultur und Sprache – und planten mit großer Hoffnung ihre Zukunft rund um Mathematik, Informationstechnik, Naturwissenschaften und Technik: Mit einem sehr positiven Fazit ist die zweite Kursphase der MINT-Sommeruni für 20 weibliche Geflüchtete an der Hochschule Koblenz nach drei Wochen zu Ende gegangen.

Die 20 jungen Frauen, von denen die meisten aus Syrien stammen, konnten aus der Zeit an der Hochschule Koblenz weit mehr mitnehmen als ihre Teilnahmezertifikate. In zahlreichen Workshops, Laborbesuchen und Führungen sowie im Rahmen von Vorträgen und Beratungsgesprächen loteten sie die Voraussetzungen und Perspektiven eines ingenieurwissenschaftlichen Studiums aus.  Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01FP1622 geförderte Vorhaben „Frauen in MINT – Neue Chancen für weibliche Flüchtlinge. Sommeruniversitäten im Ingenieurwesen an der Hochschule Koblenz“ wird von dem Gleichstellungsbüro der Hochschule Koblenz organisiert. Um dieses Angebot wahrzunehmen, hatten manche Frauen weite Anfahrtswege in Kauf genommen. So waren sie aus Mainz, Essen, Stuttgart und eine sogar aus dem Ammerland angereist. Die meisten stammten jedoch aus der Region Mittelrhein.

Zentrales Ziel des Vorhabens ist es, geflüchtete Frauen für ein MINT-Studium und somit weibliche Fachkräfte für die akademischen Berufsfelder im MINT-Bereich zu gewinnen, also in den Branchen rund um Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik. Im Rahmen der Sommeruni an der Hochschule Koblenz lernten die Frauen vor allem den RheinMoselCampus in Koblenz sowie einen Tag lang den RheinAhrCampus in Remagen kennen.

Während der Sommeruni nahmen die Frauen an mehreren Seminaren teil, die ihnen die deutsche Kultur und Sprache, aber auch die Besonderheiten des deutschen Arbeitsmarktes näherbrachten. So nahmen sie unter anderem mit großer Freude zur Kenntnis, dass der große Bedarf des Arbeitsmarktes an Fachkräften im MINT-Bereich auch für weibliche Beschäftigte mit unzähligen Chancen und Perspektiven verbunden ist. Für einen weiteren Motivationsschub sorgten Referentinnen, die – teilweise selbst mit einem Migrationshintergrund – in einem technischen oder mathematischen Fach erfolgreich sind und als Rollenvorbilder von ihrem Werdegang berichteten. Dazu gehörten etwa die Elektrotechnik-Studentin Atiye Yildirim, die viele Workshops begleitete und mit ihrem Vortrag über Photovoltaik einen eigenen Beitrag leistete. Die Ingenieurin Dr. Afsar Sattari vom Deutschen Ingenieurinnenbund begeisterte die Frauen unter anderem mit wertvollen Tipps, wie Familie und Karriere unter einen Hut gebracht werden können, etwa mit einer Anstellung in einer Firma mit Betriebskindergarten. Das interessierte nicht nur die drei Frauen, die bereits Kinder haben.

„Viele Frauen würden gerne in Deutschland ein MINT-Studium aufnehmen, manche haben sogar schon in ihrem Heimatland studiert oder ein Abitur mit mathematischem Schwerpunkt abgelegt“, weiß Dr. Kirsten Plötz, Koordinatorin der Sommeruni an der Hochschule Koblenz, „leider sind in vielen Fällen die Dokumente bei der Flucht verloren gegangen oder können nicht anerkannt werden.“ Entsprechend groß war das Interesse der Frauen an dem Beratungsangebot von Pia Dekorsy, die sich im International Office der Hochschule Koblenz um Geflüchtete kümmert. Neben den Studienmöglichkeiten informierte sie über Wege, die Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen, beispielsweise über entsprechende Tests. Zudem erhielten die Frauen viele Informationen, welche Unterstützungsangebote während des Studiums zur Verfügung stehen. „Die Frauen haben erfahren, dass sie auch während eines Studiums nicht alleine gelassen werden, sondern auf Hilfe zurückgreifen können“, betonte Plötz.

Auf dem vollgepackten Stundenplan standen viele Vorträge und Workshops, bei denen die Frauen in verschiedene MINT-Bereiche hineinschnuppern und dabei auch die eigenen technischen Fähigkeiten erproben konnten. Ob Bauingenieurwesen, ob Elektrotechnik, ob Maschinenbau – die jungen Frauen fühlten sich in allen Laboren wohl. Auch die Mathematikseminare besuchten sie mit großer Begeisterung. Prof. Dr. Thomas Schnick, Dekan des Fachbereichs Ingenieurwesen, skizzierte die Besonderheiten des Ingenieurberufs und gewährte einen Einblick in das Rapid-Prototyping in seinem 3D-Drucklabor. Die meisten Workshops bot Elektrotechnik-Professor Dr. Johannes Stolz an. Er führte Experimente mit Hochspannung durch, ließ die Frauen löten und zeigte ihnen, wie sich das Smartphone als universelles Werkzeug einsetzen lässt. Er freute sich sehr über die große Begeisterung der geflüchteten Frauen: „Viele bringen schon ein großes Vorwissen mit und sind sehr interessiert an technischen Fragestellungen, so dass ich mir gut vorstellen könnte, sie bald in meinen regulären Vorlesungen zu sehen.“

Zu den Teilnehmerinnen der Sommeruni gehörte die 25-jährige Rama Alabed, die in ihrer Heimat Syrien Biologie studiert und mit einem Bachelor abgeschlossen hatte. In nur neun Monaten Aufenthalt hatte sie fließend die deutsche Sprache gelernt, vor allem durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Altenpflege: „Ich unterhalte mich gerne mit Menschen – und dort habe ich immer viel Gelegenheit dazu.“ Sie möchte ihre Qualifikation in Deutschland mit einem Masterstudium ergänzen. Auch die erst 19-jährige Syrerin Joulea Allabdullah, die ebenfalls vor neun Monaten nach Deutschland geflohen ist, möchte sich hier eine Zukunft aufbauen. Sie hat in der Türkei ihr Abitur mit einer sehr guten Note abgelegt und strebt nun ein Medizinstudium an.

Die beiden jungen Syrerinnen hatten großen Spaß an den technischen Workshops, nahmen aber auch viele Informationen aus der Sommeruni mit. Besonders interessant fand Rama Alabed das Seminar von Ellen Rana über die deutschen Gebräuche: „Vorher war ich oft unsicher, wie man sich in bestimmten Situation richtig verhält, beispielsweise welche Geschenke hier üblich sind.“ – „Wir konnten in allen Seminaren und Workshops unsere vielen Fragen stellen und bekamen nützliche Informationen, zum Beispiel über die Voraussetzungen, hier ein Studium beginnen zu können“, so Joulea Allabdullah. Beide Frauen empfanden die Sommeruni besonders motivierend. „Ich hatte immer Angst, in Deutschland niemals studieren oder eine Arbeit finden zu können – als weiblicher Flüchtling mit Kopftuch“, erzählte Rama Alabed, „aber in diesem Programm habe ich gehört, welche Möglichkeiten es hier für mich gibt und was andere Frauen in meiner Situation hier schon erreichen konnten. Jetzt bin ich mutig!“

„Die Sommeruni hat den Frauen geholfen, Hürden abzubauen und Wege aufzuzeigen“, fasste Projektkoordinatorin Dr. Kirsten Plötz zusammen. Auch für sich selbst kann sie ein sehr positives Fazit aus dieser Veranstaltung ziehen: „Diese Frauen, die nach ihrer schwierigen Flucht aus dem Krieg hier in kürzester Zeit die deutsche Sprache gelernt haben und die nun hier mit großem Elan ihre Ziele verfolgen, die sich etwas aufbauen wollen, haben mich persönlich sehr berührt und begeistert.“

An die dreiwöchige Sommeruni schließt sich nun die dreiwöchige Praktikumsphase in verschiedenen MINT-Unternehmen an. Durch die Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wird die Sommeruni auch im kommenden Jahr stattfinden.