Sonntag, 24. März 2019

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Experte: regionale Landwirtschaft ist Premiumprodukt

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Ohne Landwirte gibt es keine Lebensmittel -  Lichtmesstagung informierte ĂŒber betriebliche Entwicklungsperspektiven

Kreis Neuwied – Nachhaltige und umweltvertrĂ€gliche Produktionsweise, kostendeckende Produktion, Marktnischen und neue Vertriebswege durch neue Strategien erschließen, Digitalisierung und zahlreiche andere Themen standen auf der Tagesordnung der jĂŒngsten Zusammenkunft der Landwirte im Kreis Neuwied. Im Rahmen der traditionellen Lichtmesstagung in Neustadt-Fernthal konnte Dominik Ehrenstein, Vorsitzender des Vereins Landwirtschaftlicher Fachbildung Neuwied e.V. (VLF), zahlreiche GĂ€ste aus Agrarverwaltung und dem landwirtschaftlichen Berufsstand begrĂŒĂŸen. Besonders erfreut zeigte sich Dominik Ehrenstein, dass nach sehr langer Zeit wieder ein amtierender Landrat, in der Person von Achim Hallerbach, der Lichtmesstagung beiwohnte. In seiner BegrĂŒĂŸungsrede schilderte der Vorsitzende die Herausforderungen, denen sich der landwirtschaftliche Berufsstand in diesem Jahr stellen muss.

Mit den Worten von Karl Marx: „Ideologie ist das falsche Bewusstsein einer Gesellschaft. Ideologie bezeichnet Ideen und Weltbilder, die sich nicht an guten Argumenten orientieren, sondern die darauf abzielen, MachtverhĂ€ltnisse zu beeinflussen“, verwies Dominik Ehrenstein auf die Ohnmacht einer sachlichen Argumentation im Hinblick auf die abnehmende gesellschaftliche Akzeptanz der landwirtschaftlichen Produktionsweise, die, so Ehrenstein, von einer lautstarken Minderheit in der Bevölkerung geschĂŒrt werde. Er sieht die Landwirtschaft im Spagat zwischen ĂŒberzogenen Anforderungen die mit der SelbstverstĂ€ndlichkeit einer ausreichenden Versorgung mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln konterkariert. „Unsere heimische Landwirtschaft ist in der Nahrungsmittelerzeugung vorbildlich. Wer ĂŒberzogene AnsprĂŒche stellt schĂ€digt unsere Landwirtschaft und fördert Importware, aus LĂ€ndern mit geringeren Umwelt- und Tierschutzstandards!“, so Ehrenstein. Seine Forderung an die regionale Politik: „StĂ€rken Sie unsere Landwirte!“

Der Landrat des Kreises Neuwied, Achim Hallerbach bestĂ€tigte den Landwirten in seinem Grußwort auch gleich eine nachhaltige und umweltvertrĂ€gliche Produktionsweise. Beim Natur- und Umweltschutz sieht er die Landwirte als verlĂ€ssliche Partner, ohne die eine Erhaltung der Kulturlandschaft an Rhein, Wied und Westerwald nicht denkbar wĂ€re. „Nitratbelastung im Grundwasser ist bei uns kein Thema“, stellte der Landrat fest. Sein erklĂ€rtes Ziel sei es, die Beziehung zwischen Stadt und Land neu auszurichten und den Dialog mit den Kritikern der landwirtschaftlichen Wirtschaftsweise zu suchen. „Die Landwirte brauchen faire Preise und die verdiente WertschĂ€tzung ihrer Arbeit und Produkte“, so Hallerbach und ergĂ€nzt: „Ohne Landwirte gibt es keine Lebensmittel.“ Er versprach, die Landwirte auch weiterhin zu unterstĂŒtzen. Ein UnterstĂŒtzungskonzept ist die Veranstaltungsreihe „LANDreisen“, bei der im MĂ€rz die sechste Vortragsveranstaltung zu Themen rund um Landwirtschaft und Gesellschaft angeboten wird.

Nach den EinfĂŒhrungsworten referierte Professor Dr. Carsten Hebestreit, Professor fĂŒr Betriebswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-WĂŒrttemberg Heidenheim zum Thema „Der Ball ist rund - wĂ€re er eckig, wĂ€re er ja ein WĂŒrfel“. Am Beispiel der europĂ€ischen Fußballspitzenclubs erlĂ€uterte er Erfolgs- und Versagensstrategien und transferierte diese auf Staaten und Wirtschaftsunternehmen, um seine Feststellungen dann auf die Situation der regionalen Landwirtschaft zu ĂŒbertragen. „Wenn sie zu Preisen produzieren, die nicht kostendeckend sind, machen sie etwas falsch“, stellte der Wissenschaftler fest.

 

Den Einwand der Landwirte, dass ihre Situation nicht mit der von Fußballclubs und Unternehmen anderer Branchen vergleichbar sei, ließ er nicht gelten. „Man muss sich aus der Opferrolle befreien und klare Strategien entwickeln, um erfolgreich zu sein“, rief er den Landwirten zu und rĂ€umte ein, dass diese nicht fĂŒr jeden Betrieb dieselben seien. “PrĂŒfen sie unbedingt ihre Vertriebswege“, riet er den Landwirten und empfahl einen Vertriebswege-Mix aus Massen- und Premiumware. Die Nutzung der Digitalisierung zur Kosteneinsparung sei in die Strategieausrichtung unbedingt einzubinden, wie auch eine mögliche Belegung von Marktnischen. Nach seiner Auffassung ist die regionale Landwirtschaft ein Premiumprodukt, das es zu entwickeln und zu vernetzen gilt.

Im Anschluss referierte Volker Siemeister, Landwirtschaftsmeister aus Leutesdorf und WildschadensschĂ€tzer ĂŒber den Drohneneinsatz zur Wildschadensbewertung. Er berichtete von ersten „Gehversuchen“ bei der Erstellung von Luftaufnahmen seiner AckerflĂ€chen und der mĂŒhevollen Quantifizierung der entdeckten WildschĂ€den. Nach und nach entwickelte er das Verfahren mit zwei „flugkundigen“ Partnern und dem Einsatz verbesserter Drohnentechnik weiter, bis die geschĂ€digten AckerschlĂ€ge nahtlos in einer Luftbildserie erfasst und die Schadensareale vermessen werden konnten. Diese Methode der Wildschadensbewertung erspart Landwirten, JagdpĂ€chtern und WildschadensschĂ€tzern ein langes mĂŒhevolles herumirren in großen MaisschlĂ€gen.

Abschließend berichteten Christiane Erhardt und Thomas Ecker von der Unteren Landwirtschaftsbehörde der Kreisverwaltung Neuwied ĂŒber Änderungen in den Agrarfördermaßnahmen.