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Jambo Kenia: Als Azubi in Afrika

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Mirko Haupt, angehender Elektroniker der SWN, war sechs Wochen zum Praktikum in Nairobi

Neuwied. Sechs Wochen war Mirko Haupt in Kenia. Wo andere Urlaub und Safari machen, hat er ein sechswöchiges Praktikum als angehender Elektroniker absolviert. Eine Erfahrung, die er nicht missen möchte – und er animiert andere Azubis, es ihm nachzutun: „Wann immer sich die Möglichkeit ergibt, sollte man es unbedingt machen.“

Mirko Haupt hat zunächst Mathe, Physik und Chemie studiert, 2017 wechselte er in eine Ausbildung zum Elektroniker bei den Stadtwerken Neuwied. Der 28-Jährige hat dann einen Flyer des ASA-Projekts gesehen. Dort bietet die IHK mit Partnern in Deutschland und Kenia Projektpraktika für Auszubildende in den Bereichen Handel, Elektro, Metallbau, Klimatechnik und Wasser an. Für ihn war klar: „Das ist es.“

Er hat´s nicht bereut. Untergebracht war er bei der Chefin des Unternehmens „Epicenter Africa Ltd“, die sich auf Wasserpumpen und Solarzellen spezialisiert haben: „Familie und Kollegen haben mich mit offenen Armen aufgenommen. Es war ein Traum.“ Auch im Betrieb wurde er sehr schnell ins Team integriert: „Auf beiden Seiten war große Offenheit, die muss man schon mitbringen.“ Ausgezahlt habe sich, dass er frühzeitig seine Englischkenntnisse aufgefrischt hatte. So lief die Verständigung problemlos.

In der Firma wurde er sofort einem Team zugeteilt, das Solaranlagen und Kontrolleinheiten installiert oder Pumpen anschließt: „Ich habe aber auch verschiedene Pläne gezeichnet, erst von Hand skizziert, dann am Computer professionell ausgearbeitet.“ Gravierende Unterschiede im technischen Niveau gibt es nicht: „Die Elektroniker in Kenia arbeiten mit den Bauteilen, die wir hier auch nutzen. Das Ausbildungssystem ist allerdings anders. Dort wird erst zwei Jahre Theorie gemacht, ehe es in den Betrieb geht. Das ist bei uns von Anfang an stärker an der Praxis orientiert. Daher hat man mich im Team auch gleich als vollwertiges Mitglied angesehen.“ Wer jedoch glaube, man könne als Azubi aus Deutschland den kenianischen Elektronikern mit Herablassung begegnen, der liege komplett falsch: „Da ist die Ein- und Vorstellung mancher Leute aus Europa gegenüber den Afrikanern ziemlich daneben: Das sind hochqualifizierte Leute, die schon Jahrzehnte in dem Beruf arbeiten. Ich bin ihnen mit dem gleichen Respekt begegnet wie meinen Meistern bei den SWN.“

Imponiert hat ihm die Arbeit draußen und nennt Beispiele: „Da ist ein Feld mit einem 250 Meter tiefen Bohrloch. Dort haben wir über mehrere Stunden hinweg eine Pumpe abgelassen, das war auch körperlich extrem anstrengend. Als dann aber am Ende das Wasser sprudelt, ist das sehr beeindruckend und befriedigend.“ Technisch keinen Unterschied gibt es bei der Installation von Solarplatten: „Das sind Stecksysteme wie bei uns. Aber: Kran oder Steiger fehlen. Die Platten werden auf der Schulter hochgebuckelt.“ Über teils abenteuerliche Konstruktionen…

Für Mirko Haupt war der Aufenthalt eher für die persönliche als die berufliche Entwicklung förderlich: „Der kulturelle Austausch war enorm. Man versteht globale Zusammenhänge und Folgen des Kolonialismus, die bis in die Gegenwart bestehen. Wir haben uns unter den Kollegen und in der Familie intensiv über Politik und gesellschaftliche Entwicklungen unterhalten. Man bekommt einfach einen anderen Blick.“ Genau das ist Ziel des Programms: Die Teilnehmer sollen den Beruf aus einer anderen Länderperspektive kennenlernen und sich mit globalen Machtstrukturen auseinandersetzen. Mit zwei 14-tägigen Seminaren werden sie auf Kultur, Wirtschaft, Umgangsformen und Gepflogenheiten im Land vorbereitet.

Die Stadtwerke Neuwied haben Mirko Haupts Praktikum bewusst und intensiv unterstützt, zahlten sein Gehalt weiter, kamen für die Impfungen auf und halfen bei den Untersuchungen durch die Betriebsärztin. Geschäftsführer Stefan Herschbach betont: „Mit unseren Auszubildenden kommen nicht nur die Fachkräfte von morgen in unseren Betrieb, sondern auch neue Ideen und Anstöße.“ Die Erfahrungen des Azubis seien ein Mehrwert für alle – und ein Anreiz für die jungen Leute, den eigenen Horizont zu erweitern.

Haupt ist dankbar für die Unterstützung: „Das macht nicht jeder Betrieb.“ Über die Zeit in Nairobi berichtet er daher auch gern und ausführlich im Kreis der anderen Azubis und im Betrieb: „Das Interesse und die Begeisterung ist. Es wäre schön, wenn mehr an dem Programm teilnehmen.“ Er wirbt dafür. Sobald sich die Möglichkeit biete, einige Wochen eine andere Kultur, das Arbeits- und das gesellschaftlichen Leben kennenzulernen, solle man auf jeden Fall zugreifen. „Für die persönliche Entwicklung ist diese Zeit ein großer Gewinn. Man sollte sich aber gut vorbereiten: Es kostet Zeit, die Flüge zu organisieren, man muss ein Visum beantragen, die Impfungen und die Untersuchungen müssen gemacht werden. Den Aufwand sollte man nicht unterschätzen.“ Eine Voraussetzung für den Erfolg dieser Praktika im Ausland seien ausreichende Sprachkenntnisse. Bei Mirko war das kein großes Problem, da er schon einmal ein Jahr in Indien gelebt hat. Gepaukt hat er daher vor allem die technischen Begriffe. Kisuaheli, die Landessprache in Kenia, brauchte es nicht: „Mambo heißt ´Hi, wie geht´s?´, und wenn es einem gut geht, dann sagt man ´Jambo´. Mehr braucht es nicht. Businesssprache ist Englisch.“ Zweite, nicht minder wichtige Voraussetzung: Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich ohne Scheu auf Menschen einer anderen Kultur einzulassen: „Dann ist es großartig.“