Mittwoch, 01. April 2020

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Internationaler Schlag gegen Callcenter-Betrüger

Festnahmen und Durchsuchungen in Deutschland und der Türkei

Heute ist es deutschen Ermittlungs- und Justizbehörden in enger Zusammenarbeit mit türkischen Sicherheitsbehörden gelungen, die Hintermänner einer großen Betrüger-Bande im Kontext sogenannter "falscher Polizeibeamte" zu ermitteln und festzunehmen. Darunter auch die mutmaßlichen Haupttäter des mehr als 70 Mitglieder starken und international agierenden kriminellen Netzwerkes.

Bei der Aktion haben Vertreter der türkischen Ermittlungsstellen den Einsatzmaßnahmen in Deutschland beigewohnt und ein deutscher Kriminalbeamter ist in die türkische Einsatzleitstelle entsandt worden, um die am Einsatztag gebotene enge Koordinierung und insgesamt vertrauensvolle Zusammenarbeit zu gewährleisten und notfalls unaufschiebbare Anschlussmaßnahmen nach Entscheidung der Staatsanwaltschaft zu veranlassen.

In der konzertierten Polizei-Aktion vom heutigen Morgen (12.02.2020) gab es allein in Deutschland 19 Durchsuchungen von Wohnungen, Geschäftsräumen und Fahrzeugen - allesamt in Nordrhein-Westfalen (Köln, Bochum, Frechen, Münster, Datteln, Rheine, Olfen und Dortmund).

Zeitgleich zu den Durchsuchungen in Deutschland gab es in den beiden türkischen Städten Antalya und Istanbul gleichgelagerte Aktionen türkischer Polizei-Behörden - in enger Abstimmung mit der Kriminalpolizei aus Koblenz und Osnabrück.

Bei den Durchsuchungen in der Türkei konnten bisher 24 Personen vorläufig festgenommen werden, darunter auch die mutmaßlichen Drahtzieher und Haupttäter der Bande. Neben Wohnungen wurden die beiden professionell eingerichteten Callcenter durchsucht und stillgelegt. Bei einem Haupttäter wurde eine scharfe Schusswaffe und ca. 40.000 Euro Bargeld sowie weitere Beweismittel sichergestellt. Die Kriminaldirektion Koblenz hat am heutigen Vormittag insgesamt 6 Objekte durchsucht. Dabei wurden Bargeldbeträge im 4-stelligen Bereich und Schmuck im Wert von etwa 30.000,- Euro vorläufig sichergestellt. Die Herkunft muss noch geklärt werden. Bei den Durchsuchungen der Polizei Osnabrück konnten vier Personen (drei Männer und eine Frau) in Datteln und Rheine festgenommen werden. Zudem wurden vier hochwertige Fahrzeuge im Gesamtwert von 185.000 Euro, Bargeldbeträge im 5-stelligen Bereich und hochwertiger Schmuck sichergestellt.

Auch wird die Rekonstruktion der Geld- und Warenströme sowie die Auswertung der sichergestellten Beweismittel noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

Nach knapp einem Jahr intensiver Ermittlungen werden der Bande zum jetzigen Zeitpunkt in zwei großen Ermittlungskomplexen der Staatsanwaltschaften Koblenz und Osnabrück wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betruges rund 100 Taten in 10 Bundesländern zur Last gelegt. Der Schwerpunkt der Taten liegt in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Die Ermittler fanden außerdem heraus, dass auch Taten in Schleswig-Holstein, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg auf das Konto dieser Bande gehen. Allein hierbei entstand bei den meist älteren Opfern ein Gesamtschaden von mehr als drei Millionen Euro. Darüber hinaus wurden zahlreiche ältere Menschen vor erheblich größeren Schäden in Millionen Höhe bewahrt. Diese Taten blieben im Versuchsstadium.

Das Polizeipräsidium Koblenz und die Polizeidirektion Osnabrück konnten bis jetzt 45 Tatverdächtige allein in Deutschland ermitteln.

Der bei der Staatsanwaltschaft Koblenz wegen Verdachts der bandenmäßigen räuberischen Erpressung und des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs geführte Ermittlungskomplex wird beim PP Koblenz in einer bei der KD Koblenz eigens gegründeten Ermittlungsgruppe bearbeitet und beinhaltet derzeit insgesamt 17 vollendete Fälle mit einem Gesamtschaden von fast 1,4 Millionen Euro zum Nachteil älterer Menschen aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland.

In diesem Zusammenhang hat die Kriminaldirektion Koblenz bisher bereits 6 Personen festgenommen und ist bundesweit durch ihre Ermittlungen die Festnahme weiterer 14 Personen initiiert worden, die teilweise bereits verurteilt worden sind.

Nachdem sich im Frühjahr 2018 die Betrüger gegenüber einer 80-jährigen Frau aus Nentershausen am Telefon als Kriminalbeamte und Staatsanwälte ausgaben und dieser über Tage massive Drohszenarien vorspielten, um sie zur Herausgabe ihres Vermögens zu bewegen, gelang es nämlich der Kriminalpolizei Koblenz, die Spur der Betrügerbande aufzunehmen.

So konnte ermittelt werden, dass die Telefongespräche überwiegend aus Callcentern in der Türkei geführt wurden. In den teilweise mehrfachen und über Stunden oder Tage dauernden Telefonaten, bei denen auch psychisch auf die Opfer eingewirkt wurde, täuschten die Betrüger vor, das Ersparte der vermeintlichen Opfer sei durch bevorstehende Einbrüche oder untreue Mitarbeiter von Banken bedroht. Bei dieser seit mehreren Jahren bekannten Masche bringen die arbeitsteilig und konspirativ vorgehenden Bandenmitglieder vor allem ältere Menschen dazu, größere Beträge abzuheben und an der Haustür oder in der Nähe ihres Wohnorts vermeintlich verdeckten Ermittlern zu übergeben.

Die umfangreiche, intensive und langandauernde Ermittlungsarbeit der Kripo Koblenz in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Koblenz, der Kriminalpolizei Osnabrück und den türkischen Behörden in Istanbul und Antalya führte heute zum Erfolg. Einer der Gründe, warum die erfolgreiche Kooperation mit der Türkei gelang, war die sofortige Beteiligung des BKA mit seinem Verbindungsbüro in Istanbul. Der dortige Verbindungsbeamte fungierte als zentraler und wichtiger Ansprechpartner. Sein Einsatz stellte sich als wertvolles Bindeglied zwischen den türkischen und deutschen Sicherheitsbehörden heraus.

"Das Phänomen "Falsche Polizeibeamte" beschäftigt die Polizei bereits seit Jahren. Die Zahl der Straftaten hat nicht abgenommen und die Dunkelziffer dürfte recht hoch sein, da sich die Opfer oftmals schämen und Selbstzweifel entwickeln, weil sie einem Betrug aufgesessen sind.

Aber der heutige Einsatz zeigt, dass hartnäckige, personalintensive und länderübergreifende Ermittlungen der Polizei schlussendlich zum Erfolg führen und den Betrügern das Handwerk gelegt wird", so der Einsatzleiter Kriminaldirektor Stefan Heinz, Leiter der Kriminaldirektion Koblenz.

"In der beispielgebenden Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden und dem engen, vertrauensvollem Umgang aller Ermittler, ist es uns gelungen, in diesem besonders sozialschädlichen Phänomen heute ein Zeichen zu setzen. Und.... Wir lassen nicht locker", so Stefan Heinz weiter.

Um nicht Opfer dieser perfiden Betrugsmasche zu werden, weist die Polizei Koblenz erneut auf die Kampagne #mitmirnicht hin und gibt folgende Hinweise:

   -	Die Polizei ruft Sie niemals unter dem Polizeinotruf 110 an. 
   -	Lassen Sie sich am Telefon nicht unter Druck setzen. 
   -	Legen Sie den Hörer auf - so werden Sie Betrüger los. 
   -	Rufen Sie nicht auf den angezeigten Rufnummern zurück. Suchen 
Sie selbständig im Telefonbuch die Rufnummer der örtlichen Polizei 
oder wählen Sie den Notruf 110. 
   -	Benutzen Sie nicht die Rückruftaste, da Sie sonst wieder bei den
Tätern landen. 
   -	Werden Sie misstrauisch wenn schnellen Entscheidungen, 
Kontaktaufnahme mit Fremden oder die Herausgabe von persönlichen 
Daten, Bargeld, Schmuck oder Wertgegenständen gefordert werden. 
   -	Sprechen Sie am Telefon nicht über Ihre finanziellen und/oder 
persönlichen Verhältnisse. 
   -	Wählen Sie die 110 und teilen Sie den Sachverhalt Ihrer Polizei 
mit. 
   -	Sollte ein angeblicher Polizist bei Ihnen an der Haustür 
klingeln, lassen Sie sich den Dienstausweis zeigen. Ein echter 
Polizist hat Verständnis dafür, dass Sie bei der örtlichen 
Polizeidienststelle telefonisch zurückfragen. Suchen Sie die 
Rufnummer der Polizeidienststelle bitte selber im Telefonbuch und 
vertrauen Sie nicht einer Rufnummer, die Ihnen mündlich (z.B. an der 
Haustür) mitgeteilt wird. 

Das Polizeipräsidium Koblenz hat neben der Intensivierung von Ermittlungen auch mit intensiver Präventionsarbeit auf den starken Anstieg der Fallzahlen in den vergangenen Jahren reagiert und unter anderem anlässlich der Präventionskampagne "MIT MIR NICHT! Gemeinsam gegen FALSCHE Polizeibeamte" einen Video-Clip entwickelt.

Diesen finden Sie, neben weiteren wertvollen Tipps und Informationen, hier: https://s.rlp.de/koblenz

Polizeipräsidium Koblenz