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Weniger Pfarrpersonal prägt die kommenden Jahre

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Synodalvorstand des Dekanats Nassauer Land stellt Kirchenvorständen Planung ab 2020 vor


RHEIN-LAHN. (23. Juli 2018) Während eines gut besuchten Treffens informierte der Dekanatssynodalvorstand (DSV) des evangelischen Dekanats Nassauer Land Kirchenvorstände über die anstehende „Pfarrstellenbemessung“. Diese legt fest, wie die dem Dekanat zur Verfügung stehenden Pfarrstellen ab dem Jahr 2020 in den Kirchengemeinden zwischen Eppenrod, Lahnstein und Lorch am Rhein verteilt werden.

Spätestens nächstes Jahr muss die Synode des Dekanats über den Sollstellenplan entscheiden. „Etwas Zeit haben wir noch, aber wir möchten frühzeitig die Kirchengemeinden einbinden und ihnen erste Vorschläge vorstellen“, begrüßte DSV-Vorsitzende Anja Beeres die Gäste im Dorfgemeinschaftshaus von Geisig. Dekanin Renate Weigel machte in der Halle bewusst, wie groß das Dekanat ist und welche Regionen es dort gibt, indem sie die Anwesenden bat, sich in geografischer Relation zueinander zu positionieren.


Die Mitgliederzahl des Dekanats (zu 80 Prozent) und dessen Fläche (zu 20 Prozent) sind die zwei Faktoren, wie viele Pfarrstellen einem Dekanat zur Verfügung stehen. Oberkirchenrat Jens Böhm, Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), erläuterte den Anwesenden Rahmenbedingungen der Entwicklung. Die künftige Bemessung der Pfarrstellen orientiert sich zum Einen an der demografischen Entwicklung der Gemeindegliederzahlen, die zurzeit um 1,4 Prozent im Jahr abnimmt. Zum Andern werden in den nächsten Jahre deutlich mehr Pfarrerinnen und Pfarrer pensioniert als eingestellt werden können – etwa 80 bis 100 Pensionierungen stehen erwarteten 40 bis 50 Neueinstellungen gegenüber. Erst nach 2030  werden voraussichtlich wieder mehr Pfarrerinnen und Pfarrer eingestellt werden können als in den Ruhestand gehen.


Der Landeskirche sei eine Anpassung mit Kontinuität wichtig. Bereits seit 1990 hält sich die Zahl an Gemeindegliedern pro Pfarrer fast konstant bei zirka 1600.

Damit liegt die EKHN bundesweit im Verhältnis von Gemeindegliedern zu Gemeindepfarrstellen in der unterer Hälfte. Zum Vergleich: Die Evangelische Kirche im Rheinland rechnet knapp 3000 Mitglieder pro Pfarrstelle.


Um die bevorstehende Diskrepanz zwischen Pfarrstellen und Pfarrpersonal ab 2020 abzufedern, sollen unter anderem 1,5 Prozent der regionalen und gesamtkirchlichen Pfarrstellen für andere Berufsgruppen geöffnet werden. Pro Jahr werde darüber hinaus mit einem Abbau von 1,4 Prozent an Pfarrstellen kalkuliert..

Freilich sei ein solcher Veränderungsprozess mit emotionalen Auswirkungen verbunden wie Wut, Frustration und Trauer, so Böhm, hoffentlich nach einem „Tal der Tränen“ aber ebenso mit Neugier und neuem Selbstvertrauen. Schließlich eröffneten sich neue Gestaltungsprozesse, in denen Kooperationen erweitert werden können; „um miteinander mehr zu erreichen“ sollen finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, um Pfarrerinnen und Pfarrer und ehrenamtlich Mitarbeitende von Verwaltungsarbeiten zu entlasten.


Konkret stehen dem Dekanat bis Ende 2024 insgesamt 36 Gemeindepfarrstellen zu. Wie die verteilt werden könnten, stellte der DSV in kleinen Gruppen vor. Ihm ist dabei wichtig, dass es eine gewisse Vergleichbarkeit unter den Pfarrstellen sowie in der Arbeitsbelastung der Kirchenvorstände gibt. So schwanken derzeit die Mitgliederzahlen für eine Pfarrstelle zwischen 800 in Kaub/Lorch und beispielsweise 1830 in Hahnstätten; dabei sind Besonderheiten wie die Verwaltung von Kindergärten, die Zahl von Kirchengebäuden und Ortsgemeinden gar nicht berücksichtigt. Richtschnur und Handlungsrahmen könne die von der Landessynode gemachte Vorgabe sein; sie empfiehlt für 750 bis 1250 Mitglieder eine halbe und für 1500 bis 2500 Mitglieder eine volle Stelle. Zum Anderen hat der DSV bei der Planung der Stellen auch deren Attraktivität im Sinn, damit sich Pfarrpersonal dafür bewirbt. „Pfarrstellen, die jetzt vakant sind, müssen für die Zukunft sicher sein, damit sie interessant werden“, heißt es in der Vorlage, über die die Kirchenvorstände sprachen.


Hilfreich sei bei der Verteilung der Stellen zudem der Blick auf die neun Regionen, in die sich das Dekanat der Lebenswirklichkeit der Menschen entsprechend aufteilen lasse und die auch Kooperationen ganz praktisch ermöglichen. Bewusst ist dem DSV gleichzeitig, dass in einer ländlichen Region wie dem Dekanat Nassauer Land keine Stellenvereinheitlichung nur nach Mitgliederzahlen möglich ist. Außerdem wurde noch einmal betont, dass die Pfarrstellenbemessung nicht mit der Fusion von Kirchengemeinden zu verwechseln ist, über die die Kirchengemeinden selbst entscheiden müssen.


Sehr engagiert diskutierten die Anwesenden die vorgestellten Überlegungen; von Kürzungen betroffene Gemeinden konnten den Schritt sogar durchaus nachvollziehen, wenn auch nicht ohne Schmerzen. „Wir sehen ja die Entwicklung und Zahlen und wissen, dass wir auf keiner Insel der Glückseligkeit leben“, meinte ein Kirchenvorsteher. Andere sahen neue Möglichkeiten: „Da schmoren wir gar nicht mehr nur im Saft unserer eigenen Gemeinde, sondern bekommen Anteil an dem, was andere machen.“


Am Ende stand die Verabredung, nach den Sommerferien erneut zusammenzukommen, um nach einer Zeit des Nachdenkens den Vorschlag für die Pfarrstellenbemessung noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. „Wenn wir so offen miteinander reden und arbeiten können wie an diesem Abend, ist mir um die Zukunft des Dekanats nicht bange“, zog Dekanin Renate Weigel ein Fazit.