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Pilger hatten Hoffnung im Gepäck

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Gefährten des heiligen Franziskus durchquerten den Rhein-Lahn-Kreis bis nach Lahnstein


LAHNSTEIN/RHEIN-LAHN. (8. August 2019) Sie eint die Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und die Ehrfurcht vor der Schöpfung: In diesem Jahr waren mehr als 100 „Gefährten des heiligen Franziskus“ mit Pilgern aus ganz Europa durch den Rhein-Lahn-Kreis unterwegs. Zwischen Geilnau und Lahnstein entdeckten die Acht- bis 88-Jährigen in neun Tagen im Lahn- und Rheintal sowie im Taunus die Natur und das Leben ganz unabhängig von Nationalität, Kultur, Beruf, Einkommen und Konfession.

Deutsche, eine Chinesin, Franzosen, Schweden und Spanier sind an ihrem Tagesziel auf dem Schlopenhof in Hainau angekommen, der vorletzten Etappe ihrer Pilgertour. Die 22 Frauen, Männer und Kinder sind nur eine Gruppen von insgesamt 110 Menschen, die sich in einer christlichen Weggemeinschaft von und nach Lahnstein auf den Weg gemacht haben. Während ein Mann seine Füße mit kaltem Wasser erfrischt, schnippeln Andere in der Küche am Abendessen, manche Pilger genießen auch einfach nur die Hainauer Abendsonne im Grünen. „Wir leben das einfache Leben“, sagt die Leiterin der Gruppe Meritxell Ricart. Die Katalonierin ist seit acht Jahren dabei, wenn die Gefährten des heiligen Franziskus in einem anderen Land unterwegs sind. Manche pilgern schon seit mehr als 45 Jahren mit. Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Journalisten und Rentner gehören dazu, die sich im Rhein-Lahn-Kreis „erden“ und mit ihrem Pilgern bewusst machen wollen, was wirklich wichtig ist im Leben. „Back to the roots“ steht dabei im Mittelpunkt und ein Thema, unter dem die Pilgertour alljährlich steht. „Hoffnung“ heißt es in diesem Jahr, woher sie kommt, was sie nährt und wie sie das Leben bereichert. Gelegenheit, sich darüber zu besinnen und auszutauschen, gibt es immer eine halbe Stunde lang nach dem Verzehr der Lunch-Pakete zwischen Geilnau, Schönborn, Nastätten, Reitzenhain, Wellmich, Hainau, Kamp-Bornhofen und dem Start-Ziel-Ort Lahnstein.

 

Englisch und Französisch sind die beiden Sprachen, in denen sich die internationale Pilgergruppe verständigt, erzählt Ricart. Und natürlich wird auch gebetet, morgens vor dem Start, mittags vor dem Lunch und am Abend, bevor es ins Bett geht. An ihren jeweiligen Zwischenstationen stehen Spiele und Singen auf dem Pilger-Programm. Taize-Gesänge beschließen in der Regel den Tag. „Nach dem Abendessen geht es normalerweise schnell ins Bett, wir sind doch alle sehr müde“, beschreibt Ricart in Englisch den anstrengenden Tagesablauf. Nur den ältesten Teilnehmern ist ein Bett vergönnt; allen anderen reicht der pure Boden in Turnhallen und Gemeindehäusern.

 

Von einer außergewöhnlichen Begegnung berichtet Schlopenhof-Gastgeber Pfr. i. R. Paul Martin Clotz. Beim Zwischenstopp In Nastätten war eine der Pilgerinnen in einer Buchhandlung auf der Suche nach französischer Literatur. Vergeblich, bis dort zufällig die Dekanin des Dekanats Nassauer Land, Renate Weigel, das Anliegen mitbekam und ihr die gewünschten Bücher aus ihrer eigenen Bibliothek zur Verfügung stellte.

Drei der insgesamt fünf Gruppen machen Station im Hainauer Schlopenhof. Neben einer Orgaguppe sind auch Senioren separat unterwegs. Letztere verbringt mehrere Tage an einem Ort, darunter befinden sich auch Rollstuhlfahrer. Die durch den Rhein-Lahn-Kreis pilgernden Menschen sind immerhin zwischen acht und 88 Jahre alt. Aber auch das Alter stellt kein Hindernis fürs pure Leben dar. Die Seniorengruppe nutzt die Tagesfreizeit auf dem Schlopenhof etwa, um sich in Marienfels von Gemeindepfarrer Mathias Moos die frisch sanierte Kirche vorstellen zu lassen und um am Sonntag einen Abstecher zum Gottesdienst in Ruppertshofen zu machen.

„Wir werden schon weniger, denn vor allem aus beruflichen Gründen kann nicht mehr jeder zum vereinbarten Zeitpunkt mitgehen“, berichtet Alexa Eisenbarth, „aber es kommen auch immer wieder mal neue Pilger hinzu.“ Dann schaut sie wieder nach dem kochenden Wasser auf den beiden Gaskochern, wo am Abend auf dem Schlopenhof Nudeln weich gekocht werden sollen. Weil ihr Mann aus Lahnstein kommt, kam überhaupt erst die Idee auf, als Höhepunkt des Jahresprogramms einmal den Rhein-Lahn-Kreis zu durchwandern. Er gehört neben Ricart zu den beiden „Trouble-Shootern“, die bei Problemen, etwa der unerwarteten Einlieferung in ein Krankenhaus, als Ansprechpartner da sind. „Da braucht es Kümmerer“, so Eisenbarth, die bereits seit 1992 durch die unterschiedlichsten Länder mit wandert. Schweden ist nächstes Jahr an der Reihe. „Wir sind wie eine schöne große Familie unterwegs“, beschreibt sie den besonderen Reiz des alljährlichen Pilgerns mit den Gefährten, der mit einem Fest in Lahnstein endete.

Diese sind in der Mehrzahl zwar katholisch. Wichtig ist das für den Sinn der Bewegung aber nicht. Es war der Wunsch nach europäischer Versöhnung, der nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges im Jahr 1927 die Bewegung entstehen und gründen ließ. Inspiriert von Franz von Assisi und seiner Lehre eines christlichen, naturnahen, friedlichen und einfachen Lebens schlossen sich zahlreiche Christen aller Konfessionen und verschiedener europäischer Nationen den Gefährten an. Die alljährliche Pilgerfahrt zählt zu den Höhepunkten im Jahreskalender.