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Seit 70 Jahren ist Adolf Krämer als Organist aktiv

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95-Jähriger aus Niederwallmenach wird für seinen einzigartigen Einsatz in Kirchengemeinden geehrt


NIEDERWALLMENACH/RHEIN-LAHN. (26. November 2019) Das dürfte selbst bundesweit eine Ausnahme sein: Seit 70 Jahren ist Adolf Krämer offiziell in den Diensten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau als nebenamtlicher Organist tätig. Der 95-jährige Vollblutmusiker aus Niederwallmenach wird am kommenden Samstag, 30. November um 10 Uhr für seinen außerordentlichen Einsatz in einem Gottesdienst in der evangelischen Kirche von Oberwallmenach geehrt.

„Ich bräuchte das gar nicht“, sagt der Musiker aus und mit Leib und Seele, „aber gut, dann soll das so sein; und es hat ja auch all die Jahre Spaß gemacht.“ Den abgewandelten Curd-Jürgens-Schlager 60 Jahre und kein bisschen „leise“, passt auf Krämer perfekt, hat ihn der rüstige Senior doch noch um mehr als die Hälfte übertrumpft. Und er wird nicht müde, seinen sonn- und feiertäglichen Arbeitsplatz empor zu steigen. Stunden könnte man dem musikalischen Wirt zuhören, wenn er sich an sein musikalisches Leben erinnert, denn nicht nur in Niederwallmenach, Oberwallmenach und Reitzenhain war Krämer stets ein zuverlässiger Begleiter für den Gemeindegesang und war dort bei Wind und Wetter immer zur Stelle. Auch Vertretungsdienste absolviert er im stattlichen Alter noch, die ihn schon zu Spieltischen von Egenroth über Miehlen bis zum Schloss Stolzenfels führten.

Das musikalische Talent, das ihn im Alter von neun Jahren zu Klavier, aber auch zu Flöte, Trommel, Tambor- und Dirigentenstab, Akkordeon und Orgel trieb, wurde Krämer in die Wiege gelegt. Vater und Onkel waren ebenfalls sehr musikalische Menschen. Ein gestrenger Lehrer brachte ihm vom neunten bis 14. Lebensjahr das Klavierspielen bei. Nach dem Krieg gründete er mit fünf Gleichgesinnten eine Tanzkapelle, die im heimischen Wirtshaus „Zur Sonne“ an jedem Wochenende für Stimmung sorgte. „Du musst am Sonntag die Orgel spielen“, kam der damalige Ortsbürgermeister Ernst Schmidt vor dem ersten Advent 1949 auf den damals 25-Jährigen zu. „Da war ich sehr aufgeregt; es gab in Niederwallmenach noch keine Liturgie, nach der ich hätte spielen können.“ Die Premiere klappte ebenso reibungslos wie die unzähligen Gottesdienste, die in den vergangenen 70 Jahren folgten.

Mehr und mehr verfeinerte der ursprüngliche Pianist sein Pedalspiel, schrieb eine Liturgie und übernahm wenige Jahre später auch den Organistendienst in Oberwallmenach und Reitzenhain. An seinen ersten Auftritt dort erinnert er sich noch gut: „Dort sind die eigentlich schwarzen Tasten weiß – das war gewöhnungsbedürftig.“ Seinen Eignungsnachweis als nebenamtlicher Organist absolvierte Krämer 1964.

Neun Pfarrpersonen hat er in seiner bisherigen Amtszeit erlebt. Je nach Predigtlänge und Straßenverhältnissen war es manchmal knapp, pünktlich an den aufeinander folgenden Einsatzorten zu sein. Und zu Zeiten, als er im heimischen Gasthof noch Tanzmusik machte, ging es oft nahtlos nach einer stärkenden Tasse Kaffee vom Tanzboden über das Vieh füttern rüber zur Orgelbank. „Einmal bin ich über dem Kaffee eingeschlafen und kam zu spät“, erinnert sich Krämer schmunzelnd an die Folgen einer Tanzmusik-Nacht in Sauerthal. Pfarrer Bolle, der von 1951 bis 1979 in Niederwallmenach Dienst tat, war ihm nicht böse und meinte: „Nur wer nix macht, macht auch nix verkehrt.“

Manchmal nahm er den Rhythmus mit ins Gotteshaus und sorgte damit gleichzeitig für ein Plus an Besuchern. Denn hie und da schloss er Wetten ab, die ein oder andere Melodie vom Tanzparkett ins Vor- oder Nachspiel einfließen zu lassen, plaudert das Improvisationstalent mit spitzbübischem Lächeln aus dem Nähkästchen. Ein Erlebnis bleibt ihm in bester Erinnerung: Für den Oktobermarktumzug in Nastätten hatte er auf dem Königininstrument mal eine Ton-Kassette (Krämer: „Das war damals total modern“) mit einem Paul-Lincke-Potpourri aufgenommen. „Ich hatte die Befürchtung, dass das nicht jedem gefallen könnte.“ Pfarrer Bolle hatte jedoch sein Placet gegeben. Und nicht nur ihm und den Zugteilnehmern gefiel es sehr, als der Wagen mit dem von ihm eingespielten Melodien durch die Straßen zog. Der geschäftstüchtige Auftraggeber hatte ohne Krämers Wissen schnell einige Kopien zum Verkauf angefertigt. „Als Ausgleich musste er mir einen ausgeben und die Sache war erledigt.“

Auf einen Lieblingschoral will sich Krämer nicht festlegen lassen. „Das Moll in der Passionszeit gefällt mir genauso wie die schönen Weihnachtslieder in Dur“, so der musizierende Wirt. Ein guter Gottesdienst ist für Krämer einer, der sich musikalisch wie textlich aufs heutige Leben bezieht und nicht nur von alten Geschichten handelt. Ein aktuelles Beispiel: Als ihn Gemeindepfarrerin Claudia Biester sein Lieblingslied aus dem Film „Der dritte Mann“ intonieren hörte, war sie gleich Feuer und Flamme und konzipierte einen Gottesdienst zum Heimatfest in Lautert zu dem bekannten Krimi-Song. Als Nachspiel gab's noch einen Marsch dazu, der mehr als „Dableiber“ denn als Rausschmeißer diente.

„Musik ist mein Leben“, gesteht der 95-Jährige, der seiner Leidenschaft gern hauptberuflich gefolgt wäre; aber das ließ die heimische Landwirtschaft nicht zu. Den Kirchengemeinden soll's recht sein, denn einen zuverlässigeren Organisten als Krämer hätten sie in den vergangenen sieben Jahrzehnten nicht finden können.