Wilfried Steinke freut sich nach 35 Jahren auf „Unruhestand“

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Bornichs Gemeindepfarrer zieht in den Westerwald, will aber der Seelsorge auch im Rhein-Lahn-Kreis treu bleiben


BORNICH/RHEIN-LAHN/WESTERWALD. (31. Dezember 2020) Nach 35 Dienstjahren tritt Bornichs Gemeindepfarrer Wilfried Steinke mit Jahresbeginn in den Ruhestand. Die ursprünglich geplanten Abschiedsgottesdienste wurden aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt und auf Frühjahr oder Sommer verschoben, wenn sich die Lage – hoffentlich – etwas entspannt hat. Der 63-Jährige hätte sich zwar einen schöneren Abschied vorgestellt, schaut aber trotzdem mit großer Dankbarkeit auf seine Amtsjahre, von denen er die meisten im Westerwald und im Rhein-Lahn-Kreis absolvierte. Außerdem will er von seinem neuen Wohnort aus Seelsorge und Verkündigung auch als Pensionär treu bleiben.

„Ich würde diesen Beruf immer wieder ergreifen“, sagt Steinke, wenngleich er an seinen Wirkungsstätten durchaus Höhen und Tiefen begleitet hat und weiß, dass ein Pfarrersleben nicht nur eitel Sonnenschein bedeutet. „Freude gemacht hat mir am allermeisten die Begleitung von Menschen in zahlreichen seelsorgerlichen Zusammenhängen, vor allem in Trauerfällen, aber auch bei Taufen, Hochzeiten und Konfirmationen. Diese Begegnungen waren für mich Highlights, die ich nicht missen möchte.“ Der Konfirmandenunterricht, der ihm ausgerechnet in jungen Jahren „eher lästig“ war, wurde mit zunehmendem Alter und mit zunehmenden Verständnis für die Jugendlichen zur Freude, „wenn es auch hin und wieder schwierige Konfirmandenjahrgänge gab“.


Aufgegangen ist er in der Vorbereitung und der Feier von Gottesdiensten aller Art. Umso schmerzlicher die Corona-Pandemie: „Es war schrecklich, keine Osternachtsfeier und keinen Gottesdienst zu Ostern halten zu dürfen, ebenso erging es mir an Weihnachten.“ Aber der Besuch hat in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin drastisch abgenommen. Steinke hofft, dass die Gemeindeglieder durch die Krise wieder merken, wie wertvoll Gottesdienste eigentlich sind.


Nach dem Theologiestudium in Frankfurt, Göttingen und Marburg war Langenhain, ein Stadtteil von Hofheim im Taunus, seine erste Pfarrstelle, wo er Hermann Alves kennen lernte, den er als pensionierten Dekan später in Bad Ems wieder traf. Es folgte ein fünfjähriger Dienst in Groß-Gerau, bis er schließlich 1995 nach Selters wechselte. Elf Jahre blieb er dort. „Diese Zeit war für mich sehr prägend“, blickt Steinke zurück. „Da ist mir insbesondere die Zusammenarbeit mit den beiden Kitas in guter Erinnerung geblieben.“ Highlights waren dort das wertschätzende zehnjährige Dienstjubiläum und natürlich die kirchliche Trauung mit seiner Frau Christa Wennhak, mit der er jetzt an seinem neuen Wohnsitz in Großholbach den neuen Lebensabschnitt genießen will. Nach einem vierjährigen Dienst in Bad Ems, wo er sich gern stärker in den Erhalt der Kaiser-Wilhelm-Kirche eingebracht hätte, führte ihn sein Weg Ende 2009 zurück in den Westerwald nach Wirges. Dort begleitete er die Renovierung des in die Jahre gekommenen Gemeindezentrums zu einem attraktiven Treffpunkt für die lebendige Gemeinde.


In Bornich betrat Steinke mit der Bildung einer Gesamtkirchengemeinde Loreley noch einmal kirchliches Neuland, über das er sehr froh ist. Es erhöhe nicht nur die Chance auf eine Wiederbesetzung der Pfarrstelle, wenn es statt fünf nur noch zwei Kirchenvorstände gibt, die Verantwortung für die ganze Region übernehmen. Es tut ihm etwas leid, dass er den Weg der Zusammenarbeit der Rheingemeinden nur aus der Ferne beobachten kann. „Mir war und ist die Kooperation der Gemeinden ganz wichtig. Es ist ein guter Weg für die Zukunft. Kirche in der Region wird dadurch sichtbar“, war er bereits überzeugt, als er von 2011 bis 2016 als stellvertretender Dekan im damaligen Dekanat Selters an entsprechenden Zukunftsweichen mitarbeitete.


Auch wenn ihn stört, dass Kirche oft zu viel Zeit mit Strukturdebatten und Ressourcenverwaltung verbringt – wie sie sich in gesellschaftspolitischen Fragen einbringt und Position bezieht, gefällt ihm sehr gut. So engagierte er sich selbst 1998 vehement um den Erhalt des Buß- und Bettags, wenn auch vergeblich. Erfolgreicher sein Einsatz für Hilfsbedürftige. 2015 gewährte er mit großer Unterstützung in Wirges einem syrischen Flüchtling Kirchenasyl, mit dessen Familie er heute noch guten Kontakt hat, und 2017 fand in Niederwallmenach ein Flüchtling aus Eritrea Kirchenasyl; Beispiele, wie christliche Nächstenliebe über das Wort hinaus zur Tat wird.


Drei Konstanten gibt es im Rückblick auf die 35 Dienstjahre. Erstens ist da die wohltuende Zusammenarbeit mit den evangelischen Kindertagesstätten an all seinen Stationen, für Steinke eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen evangelischer Kirche. Zweitens empfand er Seelsorge sowohl im Pfarramt als auch mit Sonderdiensten immer als elementare Stärke für sich und Kirche insgesamt. Im Jahr 2000 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Notfallseelsorge (NFS) im Westerwaldkreis. „Erste Hilfe für die Seele – die muss erhalten bleiben.“ So sprang er vorübergehend als Vertreter für die erkrankte Leiterin ein, etwa beim Absturz der German Wings-Maschine 2015, die den Westerwald hart traf. Mit dem Wohnsitz nahe am Rhein-Lahn-Kreis will er im NFS-Team Rhein-Lahn weiter mitarbeiten. Kontakt hat Steinke schon mit der Telefonseelsorge Koblenz aufgenommen, um dort künftig ein offenes Ohr für Hilfesuchende zu haben. Und wenn auf der Kanzel oder bei Kasualien Not am Prediger und Seelsorger ist, steht der Pensionär ebenfalls bereit.


Drittens hat er an seinen Dienstorten zusammen mit seiner Frau immer gern in den örtlichen Chören mitgesungen aus Liebe zur Kirchenmusik und den Menschen in den Chorgemeinschaften. Und dieses Hobby soll auch im kommenden (Un-)Ruhestand nicht zu kurz kommen.