Donnerstag, 02. April 2020

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Vor 90 Jahren erhielt Friedrichssegen ein neues Schulgebäude

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Lahnstein. Dass Friedrichssegen ausgerechnet im Jahr der Weltwirtschaftskrise 1929 ein neues Schulgebäude erhielt, erscheint beim Auf und Ab in der Geschichte des ehemaligen Bergbaudorfes verwunderlich. Nach dem Konkurs der Bergwerks-AG 1913 und dem Fortfall der Arbeitsplätze sank die Einwohnerzahl rapide und damit auch die Anzahl der schulpflichtigen Kinder. Waren es 135 Kinder im Jahre 1895, so zählte man 1919 nur noch 32 Kinder. Aufgrund der Wohnungsnot zu Beginn der 1920er Jahre (Rheinlandbesetzung) wurden zahlreiche mittellose Familien durch die Stadt Oberlahnstein in die leerstehenden Wohnungen in Friedrichssegen einquartiert. Daher stieg auch die Anzahl der Schüler bis zum Jahr 1929 wieder auf 102.

Die Schulchronik von Friedrichssegen beginnt 1870 mit dem Bau des ersten Schulhauses, errichtet von der Grubenverwaltung in der Wohnanlage Tagschacht unweit des noch heute sichtbaren Bergmannsfriedhofs. Sie wurde als Privatschule betrieben. Bedingt durch den Konkurs der Bergwerks-AG ging sie 1913 in die Trägerschaft der Stadt Oberlahnstein über. Der katholische Religionsunterricht wurde von nun an (bis 1921) in einem Raum der Gasfabrik erteilt. Die Schule am Tagschacht wurde 1918 in einen Behelfsraum in der „Neuen Welt“ verlegt. Das Konkursverfahren über das Vermögen der Bergwerks-AG endete mit der Veräußerung der Liegenschaften. Die Häuser im Kölsch Loch und im Tagschacht gingen durch Kauf in den Besitz der Stadt Oberlahnstein über, ausgenommen das ehemalige Schulgebäude. Aus ihr machte Besitzer Wilhelm Arnold eine Gastwirtschaft, die früheren Schulsäle zum Tanzsaal. Die Stadt mietete 1921 einen der Räume als 2. Schulsaal an. Nachdem Arnold der Stadt 1927 kündigte, wurde die Schule ins ehemalige Beamtenkasino im Ortsteil Kölsch Loch verlegt. In den Sommern 1927 und 1928 nutzte Lehrer Hugo Heep auch die inzwischen zur Ruine heruntergekommene Simultankirche. Der Magistrat wollte das Kasino als Schulgebäude notdürftig reparieren und von der Wiesbadener Regierung als Schule anerkennen lassen. Doch Lehrer Heep weigerte sich standhaft, da es nicht nur feucht und kalt war, sondern auch der Hausschwamm darin steckte. Als Heep vom Kurbesuch des Reichsinnenministers Severing in Bad Ems hörte, machte er sich mit zwei Vertretern der Stadt Oberlahnstein nach Ems und bat den Minister, sich die Schulverhältnisse persönlich anzusehen. Severing besuchte die Gebäude und war erschüttert von den verwahrlosten Räumlichkeiten. Seinem „Donnerwetter“ folgte noch im November 1928 eine Besichtigung durch Vertreter des preußischen Kultusministeriums und der Wiesbadener Regierung, Landrat und Oberlahnsteiner Stadtspitze in Friedrichssegen. Der Stadt wurde schnelle Abhilfe zur Pflicht gemacht, noch am gleichen Tage wurde in einer kurzfristig einberufenen Stadtverordnetensitzung der Neubau beschlossen. Severing machte entsprechende Zuschüsse locker. Am 6. Mai 1929 begann die Baufirma Leikert mit den Ausschachtungen, bereits am 17. Dezember 1929 erfolgte die Übergabe des Neubaus, der noch heute die Grundschule Friedrichssegen beherbergt. Das Erdgeschoss bestand aus zwei großen Klassenräumen, im Obergeschoss befanden sich die beiden Lehrerwohnungen. Trotzdem wurde die Schülerzahl gedrittelt: Mittelstufe (3. bis 5. Schuljahr) und Oberstufe (6. bis 8. Schuljahr) nutzen morgens die beiden Schulräume, die Unterstufe (1. und 2. Schuljahr) hatte nachmittags Unterricht. So wurden mehrere Jahrgänge von einem Lehrer in einer Klasse unterrichtet, was noch bis in die 1950er Jahre in kleineren Gemeinden üblich war. Wegen häufigem Lehrerwechsels und -mangels wurden zeitweise nur zwei Klassen aus jeweils vier Jahrgängen gebildet. Einer der Schulsäle wurde sonntags für den Gottesdienst hergerichtet, bis 1937 der Neubau der katholischen Pfarrkirche erfolgte.

In den 1950er Jahren – Friedrichssegen war insbesondere durch die Errichtung der Siedlergemeinschaft St. Martin stark angewachsen – wurde die Raumnot in der Volksschule größer. Forderungen nach einem dritten Schulraum und einer dritten Lehrerstelle konnten erst Ende der 1950er Jahre erfüllt werden. Nach mehreren Jahren Schichtunterricht konnte im Oktober 1961 der Erweiterungsbau übergeben werden. Nun standen vier Räume für die acht Schuljahre zur Verfügung, so dass sich vier Lehrer der Jahrgänge 1 bis 2, 3 bis 4, 5 bis 6 und 7 bis 8 annehmen konnten. Der fertig gestellte Schulneubau enthielt auch ausreichende Lehrmittelräume, einen Raum für die Einrichtung einer Bibliothek, überdachte Pausenhallen sowie eine Bade- und Brauseanlage, die von allen Friedrichssegener Bürgern gegen Gebühr genutzt werden konnte.

Im April 1966 zog die Oberstufe nach Oberlahnstein ab. Zwei Lehrer teilten sich nun in Friedrichssegen die Schuljahre 1 bis 2 bzw. 3 bis 4. Mit Inkrafttreten des rheinland-pfälzischen Schulgesetzes von 1968 wurde die einklassige Schule in Frücht aufgelöst. So besuchten ab dem Schuljahr 1968/69 die Früchter Kinder der Jahrgänge 1 bis 4 die Grundschule Friedrichssegen, die damit zu einer Mittelpunktschule für den Stadtteil Friedrichssegen und die Orte Frücht und Miellen geworden war. Die Schule mit damals 101 Kindern wurde in drei Klassen unterrichtet (1., 2. und 3./4. Schuljahr). Zum Schuljahr 1971/72 - die Grundschule war inzwischen auf 121 Kinder gewachsen - wurde die Schule erstmals vierklassig und damit einzügig. Auch wenn die Schülerzahlen in der Folge wieder stark nachließen, blieb die Einzügigkeit aufgrund der inzwischen niedriger festgesetzten Höchstgrenzen der Klassenmesszahlen erhalten.

1981 wurde mit dem Bau der Mehrzweckhalle der Turnunterricht vom Gymnastikraum im Kellergeschoss des 1961er Erweiterungstraktes in die neue Halle verlegt. Seit dem Schuljahr 2006/07 ist die Grundschule Friedrichssegen eine Ganztagsschule in Angebotsform. Aufgrund steigender Schülerzahlen wurde zum Schuljahresbeginn 2009/10 ein Modulgebäude angebaut.

Im Schuljahr 2019/20 besuchen 76 Schülerinnen und Schüler die Grundschule und werden von fünf Lehrerinnen unterrichtet.