Lahnsteiner Martinsumzüge vor 100 Jahren

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Lahnstein hat Geschichte, Folge 621

Lahnstein. 2020 geht in die Lahnsteiner Geschichte als das Jahr ein, in dem pandemiebedingt erstmals keine traditionellen Umzüge zum Gedenken an den Heiligen Martin stattfinden. Das war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ganz anders, wie die Lahnsteiner Presse in den 1920er Jahren berichtete:

„Kinder-Martinszug 1920 in Lahnstein. ‚Dotz, Dotz, Dellje Dotz, wer naut gitt, der is nix notz.‘ So hörte man es gestern Abend durch die Straßen in unermüdlicher Wiederholung singen und klingen. Eine große Schar von Kindern hatte sich in Oberlahnstein um die Musikkapelle des Katholischen Lehrlingsvereins gesammelt und zog mit Fackeln, Mertesknollen und Lampions durch die Straßen. Ein ähnlicher Zug hatte sich auch in Niederlahnstein in Bewegung gesetzt. Am Ufer der Lahn und an verschiedenen hochgelegenen Punkten loderten Mertesfeuer auf, wozu die Kinder in den vorhergehenden Tagen bereits das Holz gesammelt hatten.“

Eine stärkere Beteiligung gab es 1921, als der Redakteur von fast tausend Teilnehmern in Oberlahnstein schreibt: „Zwei Musikkapellen und ein buntes Bild von Fackelzug und Lampions aller Art sorgten für die notwendige Mertesstimmung. Voran der kopierte St. Martin zog die kleine Schar zum Merteskuppe, wo das übliche Zeremoniell stattfand und das Mertesfeuer dem Ganzen einen schaurig-schönen Anblick gab.“

1922 heißt es unter anderem: „Die Kinder wurden geführt von ihren Lehrpersonen, die teilnehmenden Vereine von ihren Vorständen. Am stärksten vertreten war der Jünglings- und Jungmännerbund Lahneck, der auch in musterhafter Ordnung und Disziplin bis zum Ende ausharrte. Ihnen allen voran ritt St. Martin stolz zu Ross und inmitten eines Zuges schritten drei Musikkapellen zur Hebung der Stimmung.“ Nach dem Festzug gab es auf dem Salhofplatz ein prächtiges Feuerwerk und abends im Gesellenhaus für die Erwachsenen musikalische Unterhaltung und turnerische Vorführungen. Der Schreiber des Presseberichts lobte besonders die Bewohner der Adolfstraße, dass sie „ihre Häuser reich illuminiert hatten“.

Im Jahr 1928 hatte der letzte Jahrgang der Knabenvolksschule die Aufgabe, das Martinsfeuer vorzubereiten. So sammelte in Oberlahnstein der Entlassungsjahrgang (Geboren 1913/14) eine große Menge Reisig und schichtete es kunstgerecht zum Merteskuppe auf. Sie wollten das schönste und höchste Martinsfeuer abbrennen, sogar mit Stuhl und Schneiderpuppe, die an langen Bohnenstangen hingen. Oft ist in Presseberichten von mehreren Strohpuppen die Rede: Sie standen symbolisch für die Apostel. Die Kinder bauten mehrere Wochen an den Merteskuppen, die fünf bis sechs Meter hoch waren.