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Wachsam bleiben für jede Form von Menschenverachtung

Jüdisch-christliches Gedenken an Opfer des Holocaust sorgt für übervolle Friedenskirche in Friedrichssegen

FRIEDRICHSSEGEN/RHEIN-LAHN. (29. Januar 2019) Auch im Rhein-Lahn-Kreis warnten viele Menschen am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust vor menschenverachtenden Tendenzen in der Gesellschaft. Die Friedenskirche in Friedrichssegen war zu klein, um allen Teilnehmenden einen Sitzplatz zu bieten. Jüdische, katholische und evangelische Gemeinden hatten erstmals gemeinsam dorthin zu einem Gottesdienst eingeladen, der an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur erinnerte.


Viele bewegende Momente lieferte der jüdisch-christliche Gottesdienst in Friedrichssegen, für den beim letztjährigen Sternmarsch für den Frieden am Volkstrauertag in Bad Ems die Idee geboren wurde, wie Pfarrerin Antje Müller erklärte. Die zeigte sich über das große Interesse an dieser ökumenischen Premiere ebenso überrascht wie angetan. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, sagte die evangelische Theologin, bevor unterstützt von zwei Jugendlichen aus der Gemeinde für 21 ermordete Lahnsteiner jüdischen Glaubens jeweils ein Teelicht angezündet und auf den Altar gestellt wurde.


Müller wies ebenso auf das Mahnmal für die Opfer des Holocaust vor der Kirche hin, das auf Initiative von Realschülern 1996 errichtet wurde. „Bleiben wir wachsam für jede Form von Menschenverachtung!“, sagte die katholische Gemeindereferentin Tanja Kaminski. Das machte deutlich, dass die Veranstaltung nicht nur den Blick zurück, sondern auch in Gegenwart und Zukunft lenkte sowie auf das biblische Doppelgebot der Liebe, das dazu auffordert, Gott und seine Mitmenschen zu lieben.


In den Focus rückten die Liturgen das Schicksal des Theologen, Journalisten und Schriftstellers Jochen Klepper (1903 - 1942), der eine Reihe von Liedtexten dichtete, die sich sowohl im evangelischen als auch im katholischen Gesangbuch finden. „Die Nacht ist vorgedrungen“ ist eines der Lieder, das die Besucher in der Friedenskirche anstimmten. Der Dichter heiratete 1931 eine verwitwete Jüdin, die sich 1938 taufen ließ. Die Ausweglosigkeit, die Frau und deren jüngere Tochter vor dem Holocaust bewahren zu können, ließ Klepper verzweifeln und trieb ihn mit den Beiden in den Selbstmord. Die Kombination der zitierten hoffnungsvollen Liedstrophen mit den Tagebucheinträgen bewegte in der Friedenskirche.


Das tat auch die Musik zur Feierstunde. Neben Organistin Hannelore Syre sorgte die junge Kelly-Sophie Heuzeroth mit ihrem gefühlvoll vorgetragenen „Halleluja“ Leonard Cohens für eine andächtige Stimmung im Gotteshaus. Zu Herzen ging auch das brillante Spiel von Dr. Thomas Reisinger an der Violine, den Ehefrau Regine Reisinger am E-Piano begleitete. So liebreizend er zu Beginn einen hebräischen Gruß („Shalom Aleichem“) interpretierte, so melancholisch anrührend erklang nach Kleppers Biografie eine Bitte um Frieden „Osse Schalom“ von Ben Steinberg.


Ergreifend fanden es viele Besucher, dass nicht nur das jüdische Totengebet (Kaddisch), sondern auch andere Bestandteile der Liturgie zweisprachig in Deutsch und Hebräisch oder Aramäisch vorgetragen beziehungsweise gebetet wurden. „Es hat mich sehr berührt, das Vater Unser, das ich schon unzählige Male gebetet habe, einmal in der Sprache Jesu zu hören“, sagte eine Besucherin im Anschluss.


Friedrichssegens Gemeindepfarrerin Antje Müller nahm die große Resonanz des Gedenkgottesdienstes zum Anlass, die Ökumene weiter zu stärken. „Wir müssen über den eigenen Kirchturm hinaus denken“, sagte die Theologin und meinte dies sowohl geografisch als auch inhaltlich, denn das sei „wirklich wichtig für unsere Zukunft“.