Freitag, 22. März 2019

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Als Christen und Muslime friedlich zusammenlebten

Prof. Dr. Lukas Clemens, Historiker der UniversitĂ€t Trier, erforscht eine spannende Geschichte im mittelalterlichen SĂŒditalien – mit Parallelen zur heutigen Zeit.

Die Geschichte hatte keinen guten Anfang: In der ersten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts ließ Kaiser Friedrich II. zwischen 80.000 und 100.000 Muslime, die in Sizilien lebten, in die Gegend um das knapp 700 Kilometer entfernte sĂŒditalienische Lucera umzusiedeln. In Sizilien war es zum Aufstand der Muslime gegen die christlichen Herrscher gekommen. Die AnfĂŒhrer wurden hingerichtet, alle anderen umgesiedelt und so ihrer lokalen Netzwerke beraubt. In der deutschen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hieß es, Friedrich II. habe die Muslime zur Strafe auf dem Kastell von Lucera festgehalten. Untersuchungen des Trierer Historikers Prof. Dr. Lukas Clemens zeigen nun ein anderes Bild: „Es war vielmehr ein harmonisches Zusammenleben. Die Muslime konnten ihren religiösen Riten nachgehen, betrieben Handel, genossen FreizĂŒgigkeit und hielten MĂ€rkte ab. Einige Muslime kĂ€mpften auch als Elitesoldaten fĂŒr Friedrich II. und waren als BogenschĂŒtzen begehrt.“

Doch warum hat das Zusammenleben damals funktioniert, wĂ€hrend heute manchmal die Frage der Integration der großen Anzahl muslimischer Migranten unlösbar scheint? „Europa wurde damals grĂ¶ĂŸer gedacht als heute und umfasste den ganzen Mittelmeerraum, inklusive der KĂŒstenregionen Kleinasiens und Nordafrika. Friedrich II. war ein Gelehrter, der die muslimische Kultur und Wissenschaft schĂ€tzte.“

Oft wird Friedrich II., der unter anderem fĂŒr seine achteckige sĂŒditalienische Burg Castel del Monte bekannt ist, als deutscher Kaiser wahrgenommen. Doch die Untersuchungen von Clemens und seinen Mitstreitern im von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt „Christen und Muslime in der Capitanata im 13. Jahrhundert“ kommen zu einem anderen Ergebnis. „Friedrich II. verbrachte nur eine relativ kurze Zeit nördlich der Alpen. Sein Herz schlug fĂŒr Sizilien, dessen König er ebenfalls war, und die dazugehörige Region im SĂŒden Italiens. In gewisser Weise war er einer der ersten EuropĂ€er, fĂŒr die der Kulturraum auch die Muslime umfasste.“

Gerade hier spielt auch die mittelalterliche Capitanata in Nord-Apulien eine Rolle. Ein besonderes Augenmerk des Projekts von Clemens liegt auf dem mittelalterlichen Siedlungsplatz Tertiveri, dessen Überreste markant auf einem HöhenrĂŒcken nahe von Lucera liegen. Der kleine Ort hatte im frĂŒhen Mittelalter einen eigenen Bischofssitz, der dann aber verlassen wurde. 1296 erhielt der muslimische Ritter ˈAbd al-ˈAzÄ«z fĂŒr seine militĂ€rischen Leistungen von dem damaligen König Siziliens, Karl II., das unbewohnte Tertiveri als Lehen.

Lukas Clemens und sein Team fanden bei ihren Ausgrabungen bei der ehemaligen Kathedrale neben christlichen auch zwei muslimische GrĂ€ber, bei denen die Bestatteten auf der Seite liegend in Richtung Osten nach Mekka blicken. Mit schriftlichen Quellen lĂ€sst sich belegen, dass ˈAbd al-ˈAzÄ«z mit knapp 100 Personen in Tertiveri gelebt haben muss, die vorerst ihrem Glauben weiter nachgegangen sind. Auf königlichen Druck musste ˈAbd al-ˈAzÄ«z dann Anfang des 14. Jahrhunderts jedoch zum Christentum konvertieren. „Es war zu Unstimmigkeiten und damit Unruhen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gekommen“, erklĂ€rt Clemens. Karl II. ließ die muslimische Kolonie daraufhin auflösen. Die meisten Personen wurden in die Sklaverei verkauft. Damit verliert sich auch die Geschichte der Muslime in der Region.

„Die Geschichte der Muslime in SĂŒditalien ist bisher noch nicht so gut erforscht, wie in anderen Teilen Europas, beispielsweise in Andalusien. Dort gibt es anders als in Italien noch markante Bauwerke wie die Mezquita-Kathedrale in Cordoba, die von der Geschichte der muslimischen Bevölkerung erzĂ€hlen.“ Um noch ein wenig mehr Licht in die Geschichte der Muslime in SĂŒditalien zu bringen, wird Clemens im Herbst weitere Grabungen in Tertiveri durchfĂŒhren. Gleichzeitig erforscht er aktuell in einem weiteren Projekt die Geschichte von muslimischen Siedlungen in Sizilien. So wird bald auch mehr darĂŒber bekannt sein, wie die Muslime lebten, bevor sie nach Lucera und Tertiveri kamen.