Samstag, 20. Juli 2019

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„Ohne Religion wäre unsere Welt nicht besser“

Der Politiker Norbert Lammert und der Trierer Bischof Stephan Ackermann diskutierten an der Uni Trier kontrovers, aber respektvoll.

Sie können miteinander – diesen Beweis haben sie auf dem europäischen Kontinent über viele Jahrhunderte geführt. Aber könnten sie auch ohne einander? Wie sähe unsere Welt ohne Kirche und Religion aus? Mit dieser hypothetischen Frage eröffnete Moderator Prof. Dr. Thomas Raab eine lebhafte und kontroverse Diskussion an der Universität Trier. Über das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Religion, so der Titel, redeten und stritten mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert und dem Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann zwei exponierte Vertreter beider Institutionen.

Als Thomas Raab nach zwei Stunden die letzte Frage aus dem Publikum zuließ, hatten Politiker Lammert und Kirchenvertreter Ackermann ein weites Themenfeld bearbeitet. Und doch lag noch viel thematisches Brachland vor ihnen, das an diesem Abend nicht mehr beackert werden konnte. Ein Zeichen dafür, wie intensiv verwoben Politik und Religion in Europa und in Deutschland im Besonderen sind, aber auch wie umstritten diese Beziehung ist. Die kontroverse Note der Diskussion war nicht zuletzt der kritischen Distanz des bekennenden Katholiken Norbert Lammert zu seiner Religionsgemeinschaft zu verdanken.

Zurück zur ersten Frage: Wie wäre sie, unsere Welt – ohne Religion? „Sie hätte die Religionskriege nicht erlebt“, goss der Politiker provokant Öl ins Diskussionsfeuer, um dann einen nach wie vor starken Einfluss der Religion auf Politik und Staat einzuräumen: „In unserem Grundgesetz lässt sich Religion mit Händen greifen.“

Lammerts Steilvorlage, dass unsere Welt ohne Religion heute nicht besser aussähe, nahm der Bischof auf zu einem Flankenlauf durch die religiöse Prägung des menschlichen Alltags. Ackermann erinnerte an die Dominanz von Kirchengebäuden im Stadtbild und an den auf biblischer Tradition fußenden Wochen-Rhythmus. Aus theologischer Deutung sei unser gesellschaftliches Leben bestimmt durch das Bild eines Gottes, der Mensch geworden sei.

In einem fruchtbaren Wechselspiel stehen Politik und Religion in ethischen Fragen zu Eingriffen in das Leben, die an diesem Abend weiten Raum einnahmen. „Der medizinische Fortschritt fordert uns permanent derart heraus, dass wir mit ethischen Antworten kaum noch mitkommen. Dies ist ein sehr anspruchsvoller Bereich, mit dem wir als Kirche verantwortlich umgehen“, räumte der Bischof ein. Lammert stellte sich auf die Seite der in Umfragen ermittelten klaren Bevölkerungsmehrheit, nicht alles zuzulassen, was technisch und medizinisch möglich ist. „Es gibt kaum eine kompliziertere Frage als diese. Ich kann mich an kein Thema erinnern, das im Bundestag vorsichtiger und gründlicher diskutiert wurde als dieses“, so Lammert.

Für Norbert Lammert gibt es im Verhältnis von Politik und Kirche aber auch klare Abgrenzungen. So beantwortete er eine Frage aus dem Publikum unmissverständlich damit, dass die 10 Gebote niemals zu einer säkularen Grundlage gemacht werden könnten. Auch im Hinblick auf kritische Bereiche wie Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche oder das kirchliche Arbeitsrecht sieht er „keinen Grund für eine unterschiedliche Beurteilung von Fällen nach kirchlichen oder nach staatlichen Kriterien“.

Während Bischof Stephan Ackermann dieser Haltung für den Umgang mit Missbrauch im kirchlichen Umfeld zustimmte, warb er beim Thema Arbeitsrecht um Verständnis für die kirchliche Perspektive.

Sie beruft sich hier juristisch auf ihr Selbstverwaltungsrecht und auf ihren Anspruch, dass kirchliche Einrichtungen als solche erkennbar sein und sich von weltlichen Einrichtungen abheben müssten. Insofern müsse die Kirche als Arbeitgeber erwarten dürfen, dass Mitarbeiter diesen Grundauftrag mittragen.

Dies waren nicht die einzigen Fragen, in denen der Bischof in die Defensive gedrängt wurde. Das Fremdeln der katholischen Kirche mit den Menschenrechten, ihre Haltung zum Judentum und ihre Rolle beim Holocaust, der Mangel an demokratischen Strukturen – Bischof Ackermann musste wiederholt zu kritischen Fragen Rede und Antwort stehen.

Wie das kontroverse, aber doch respektgeprägte Gespräch zeigte, war der Freundeskreis Trierer Universität gut beraten, erstmals dieses Format für den zweiten Teil von Norbert Lammerts Gastprofessur zu wählen. Der Freundeskreis-Vorsitzende Helmut Schröer blickte bei seinen abschließenden Worten in ein bestens gefülltes Audimax, als er sich bei Diskutanten und Publikum für diese „besonders gelungene Veranstaltung“ im Jubiläumsjahr bedankte.