Donnerstag, 26. November 2020

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Nora Bossong erhält den Joseph-Breitbach-Preis 2020

Die Stiftung Joseph Breitbach und die Akademie der Wissenschaften und der Literatur / Mainz verleihen Nora Bossong den Joseph-Breitbach-Preis 2020 für ihr literarisches Gesamtwerk.

In Nora Bossongs Werk lässt sich besichtigen, wie es zu unserem Zeitalter kam. Die Protagonisten ihrer Romane sind Männer und Frauen, in deren Hände die Welt gelegt ist: Ein Diplomat in ›Webers Protokoll‹ (2009), ein Textilfabrikant und seine Tochter in ›Gesellschaft mit beschränkter Haftung‹ (2012), ein Historiker in ›36,9º‹ (2015), eine Mitarbeiterin der UN in ›Schutzzone‹ (2019). Aus genauer Metierkenntnis entwickelt die Autorin Psychogramme von Menschen, die als Individuen unsere Anteilnahme gewinnen, als prototypische Leistungsträger den Schrecken vermehren: Ihre Ohnmacht schafft Fakten. In die Zukunft retten sie nur ihre Selbstbilder und privaten Obsessionen. Solche Gemengelagen finden sich auch in ihren drei Gedichtbänden, verbinden sich dort mit Zärtlichkeit für Tier und Pflanze und für die Beharrungskräfte von Provinz und Religion.

Die Jury würdigt mit ihr »eine Poetin, die ihre eminenten Möglichkeiten zur Versprachlichung von Welt als Verpflichtung nimmt, sich den großen Themen zu stellen. Durch die Irrungen und Wirrungen eines eurozentrischen Jahrhunderts, das an den Nullpunkt seiner Weisheit gekommen ist, lässt sie uns schauen auf die Schwäche, die es zusammenhielt. Ihr Werk, in dem sich analytische Brillanz und sinnliche Evokationskraft gegenseitig befeuern, moralisiert nicht, nimmt am grassierenden Rechthaben nicht teil und erscheint doch in jeder Zeile politisch. Wiewohl illusionslos, ist es nie ohne Liebe, und beinahe hinterrücks voll Humor.«

Der Preis ist mit 50.000 € dotiert. Die Verleihung ist für den 25. September 2020 in Koblenz vorgesehen, soweit die gesetzlichen Bestimmungen aufgrund der allgemeinen gesundheitlichen Lage es zulassen.

Nora Bossong wurde 1982 in Bremen geboren. Sie studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Komparatistik. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Roswitha Preis (2016), dem Kranichsteiner Literaturpreis (2019), dem Wilhelm-Lehmann-Preis (2020) und dem Thomas-Mann-Preis (2020). 2017 wurde sie als Gast zum Jubiläumstreffen der Gruppe 47 eingeladen. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins ›Arbeit an Europa‹.

Bisherige Preisträger
Hans Boesch, Friedhelm Kemp, Brigitte Kronauer (1998); Reinhard Jirgl, Wolf Lepenies, Rainer Malkowski (1999); Ilse Aichinger, W.G. Sebald, Markus Werner (2000); Thomas Hürlimann, Ingo Schulze, Dieter Wellershoff (2001); Elazar Benyoëtz, Erika Burkart, Robert Menasse (2002); Christoph Meckel, Herta Müller, Harald Weinrich (2003); Raoul Schrott (2004); Georges-Arthur Goldschmidt (2005); Wulf Kirsten (2006); Friedrich Christian Delius (2007); Marcel Beyer (2008); Ursula Krechel (2009); Michael Krüger (2010); Hans Joachim Schädlich (2011); Kurt Flasch (2012); Jenny Erpenbeck (2013); Navid Kermani (2014); Thomas Lehr (2015); Reiner Stach (2016); Dea Loher (2017); Arno Geiger (2018); Thomas Hettche (2019)