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Bonhoeffer: Vorbild an Zivilcourage und Glaubensmut

Christlich-jüdische Andacht in Friedrichssegen erinnert an den Beginn des Holocaust und dessen Opfer


RHEIN-LAHN. (13. November 2020) Auf der Wiese vor der Friedenskirche statt drinnen wurde in einem christlich-jüdischen Gottesdienst in Friedrichssegen an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gedacht, die mit der Pogromnacht 1938 erstmals offen ausbrach. Antje Müller, Pfarrerin für Ökumene des evangelischen Dekanats Nassauer Land und Wolfgang Dorr von der jüdischen Gemeinde legten am wenige Meter entfernten Mahnmal einen Kranz nieder.

Zuvor wurde in der Andacht im Freien mit Liedern und Gebeten in deutscher und hebräischer Sprache sowohl die Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen als auch vor der aktuellen Entwicklung und einem neuen Aufkeimen des Antisemitismus gewarnt. Nicht nur dabei wirkte eine Konfirmandin mit. Müller lenkte den Blick zunächst auf die drei Sandsteinsäulen des Mahnmals. Dessen Errichtung hatte eine siebenköpfige Schülergruppe der Realschule Lahnstein unter Leitung der Lehrerin Ruth Mayer-Schnell unterstützt von ihrem Kollegen Elmar Ries angestoßen. Die Werkstatt des Lahnsteiner Steinbildhauers Norbert Rösner hat das Werk geschaffen, auf dem sich 51 Opfernamen aus dem gesamten Mittelrheingebiet befinden. Auf der mittleren Säule ist zu lesen: „Den Opfern zum Gedenken, den Lebenden zur steten Mahnung“ und „Ungestillt rinnt die Träne um die Erschlagenen meines Volkes“, ein biblischer Vers aus Jeremia 8.

Im August 1941 wurden die 51 Bürger jüdischen Glaubens gezwungen, in die ehemalige Arbeitersiedlung „Tagschacht“ in Friedrichssegen zu ziehen.  „Sie mussten dort Zwangsarbeit verrichten, die Männer in einem Eisenlager und Verschrottungsbetrieb, die Frauen in einem Ton-und Dachziegelwerk“, berichtete Müller. Nach einem Jahr wurden sie über Frankfurt in die Konzentrationslager Theresienstadt, Treblinka und Ausschwitz deportiert.

Die Theologin erinnerte aber auch an Dietrich Bonhoeffer, der von Anfang an Partei für die verfolgten jüdischen Menschen ergriffen hatte. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen" hatte der Pfarrer und Widerstandskämpfer, der selbst kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager erhängt wurde, früh gemahnt. In seiner Haltung sei er auch heute noch ein Vorbild für Christen, wenn er etwa betonte, dass man „dem Rad in die Speichen fallen muss“ und dass „tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen keine christlichen Haltungen sind“. Als ein „Vorbild an Zivilcourage und Glaubensmut“ beschrieb sie den evangelischen Theologen.

Odelia Lazar, die Michael Wienecke an der Gitarre begleitete, vertiefte mit ihrem bewegenden Gesang jüdischer Lieder das Gedenken. Mit Bonhoeffers trostvollen Versen „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, gab sie den Gästen der Andacht noch einen Hoffnungsschimmer  mit auf den Weg zum Mahnmal. Der Theologe hatte es kurz vor dem Tag seiner Hinrichtung gedichtet, in dem sein unbeirrbarer Glaubensmut zum Ausdruck kommt.