Montag, 25. Oktober 2021

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„Einen Augenblick, Bitte!“

Jeder kennt diesen Hinweis. Wir klopfen an und öffnen die Tür, um bei einem Sachbearbeiter unser Anliegen vorzubringen.

Aber wir sind zu früh, und uns wird bedeutet, noch einen Moment zu warten: „Bitte warten Sie noch einen Augenblick! Sie sind gleich an der Reihe.“
Mit dieser Antwort geben wir uns zufrieden, denn ein Augenblick währt nur kurz, sozusagen von einem Moment zum nächsten. Ja, zuweilen bedeutet er auch so gut wie sofort, wenn etwas „im selben Augenblick“ oder „augenblicklich“ geschieht. Der Augenblick, so verstehen wir ihn, meint in diesem Sinne eine der kürzesten subjektiv empfundene Zeiteinheiten im Alltag.

Jedoch frage ich mich: Reicht es, den „Augen-Blick“ derart auf eine bloße kurze Zeiteinheit zu reduzieren? Tun wir ihm dem Augenblick da nicht Gewalt an? Denn In Wirklichkeit bedeutet es doch sehr viel mehr, wenn wir von dem „Blick der Augen“ sprechen und sich Menschen „in die Augen blicken“. Dann ist mehr gemeint als nur der Ausdruck einer Blickrichtung. Da schwingt mit die Haltung der Ehrlichkeit, der Aufrichtigkeit, der Achtung des Anderen, oft auch der Liebe zueinander.

Ein solcher Augen-Blick kann über ein ganzes Leben entscheiden – dann nämlich, wenn er jene gefüllte Zeit meint, in der sozusagen „die Liebe überspringt“ und das innere Ja zum anderen auf Gegenliebe und Erwiderung stößt. Ein solcher Augenblick ist geschenkte Zeit, erfüllte Zeit, weit mehr als nur eine kurze Zeiteinheit.

Er ist auch der Moment, da gleichsam Erde und Himmel in uns oder zwischen uns verschmelzen und wir uns dem Göttlichen nahe wähnen. Damit erschließt sich uns auch jenes Symbol, dem wir immer wieder im religiösen Bereich begegnen: das „Auge Gottes“, das seine liebende Gegenwart meint. 

Wir dürfen dankbar für alle Momente sein, in denen wir die Erfahrung derartiger schöner und erfüllter Augen-Blicke erfahren haben.

Sie bereichern unser Leben, sie geben ihm Tiefe. Sie lassen sozusagen „den Funken überspringen“.

So verstanden, sollten wir doch froh sein, wenn man uns sagt: „einen Augenblick, bitte!“ Denn dieses Innehalten, dieses kurze Warten, es kann zu einem der dichtesten Momente unseres Lebens werden.

Und die sollten wir nicht verpassen!

Und aus diesem Grund wünschen wir Ihnen deshalb jenes Innehalten des Augen-Blickes, der uns erfüllt und auch tröstet – und uns eine Ahnung davon vermittelt, dass „ein gutes Auge uns begleitet“.

Von daher lassen Sie sich Zeit für den „Augen-Blick“.

Olaf Erdmann