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Filsener Geschichte(n)

Vor 150 Jahren zog die „Filsener Hochschule“ aus der Wachport aus

von Alfred Neckenich

Jahrzehntelange hatten die Lehrer der Elementarschule zu Filsen im 19. Jahrhundert Klage geführt über den schlechten Zustand des Schulhauses. Mit Schule war seinerzeit die altehrwürdige Wachport, das im Jahre 1611 in schönem Fachwerk errichtete ehemalige Rathaus des Dorfes gemeint. Vor unbestimmter Zeit im 17. oder 18. Jahrhundert hatte man die Wachport zum Schulhaus umgewandelt. Im ersten Stock, direkt über dem Tor der früheren Dorfbefestigung, wohnte der Lehrer mit seiner Familie, der frühere Gemeindesaal im zweiten Stock diente als Klassenraum. Im Filsener Alltag sprach man daher auch von der „Hochschul“. Die Deutlichkeit der in der Schulchronik niedergeschriebenen Beschwerden und Mängellisten und die Klagen über die Untätigkeit der Gemeinde sind ein Zeugnis für die wirtschaftliche Situation und die Armut im Dorf. In der Niederschrift für das Schuljahr 1844/ 45 lesen wir unter Ziffer 4: „Zustand des Schulhauses und des Lehrzimmers“ beispielsweise: „Der Zustand des Schulhauses ist in der That sehr bedenklich, sowohl im Äußeren, wie auch im Inneren. Der Lehrer kann öfters nicht einmal bei der drückensten Kälte wegen des Rauches in seinem geheizten Zimmer bleiben; seine Gesundheit muß damit zu Grunde gehen. Betrachtet man aber die Decke des Lehrzimmers, so erschrickt man, denn dieselbe ist fast überall dem Einsturze nahe und es könnte großes Unglück entstehen, wenn dieselbe während des Unterrichts einstürzte. Es steht viel zu wünschen übrig“.

Im Jahre 1869 zählte man in Filsen 430 Einwohner; ausweislich der Schulchronik besuchten in diesem Schuljahr 92 Kinder (47 Jungen, 45 Mädchen) die einklassige Schule. Die offensichtlich zunehmend misslich Lage, und letztlich wohl auch der Druck der Herzoglichen Schulbehörde, veranlassten Bürgermeister Johann Lahnstein und den Gemeinderat wenig später dann doch zum Handeln. Am 11. Februar 1871 kaufte die Gemeinde Filsen das in der Oberstraße gelegene Haus Dorweiler (heute Haus Helbach), um es zu einem Schulhaus mit Lehrerwohnung umzubauen. Aber, so die Schulchronik, „wurde durch das allzu große Sparsystem die Hoffnung des Lehrers und der Schüler wieder in nebelgraue Ferne gerückt; die Kosten (1800 Thaler) schienen Einigen zu hoch“. Bürgermeister und Gemeinderat brachten das Anwesen erneut zur Versteigerung. Wenige Tage vor dem bereits angesetzten Versteigerungstermin nahm die Gemeinde nach Intervention der Schulbehörde dann doch Abstand davon und die notwendigen Umbaumaßnahmen wurden zeitnah ausgeführt. Der damalige Lehrer Joseph Weismüller brachte seine Freude über den Umzug in das neue Schul- und Wohngebäude mit folgenden Worten zum Ausdruck:  „Am 31. Oktober des Jahres 1871 wurde dem Lehrer der 2. Stock des Hauses als Dienstwohnung angewiesen. Mit frohem Herzen wurde diese Anweisung begrüßt und nicht alleine von dem Lehrer, nein von allen redlich Denkenden!

Endlich war der erste Schritt zu dem geschehen, worauf sich so mancher Lehrer dahier gesehnt, um das soviel gesprochen, geschrieben und gestritten wurde. Möchte diesem bald die gänzliche Beseitigung der dermaligen Kamalitaet ein neuer Schulsaal in dem Haus No. 27 folgen und die alte Bude No. 7 ihren Namen “Wachtpforte” wieder zurückerhalten, denn den Namen einer Schule hat sie nie verdient.“

Doch erst zu Beginn des Jahres 1873 konnte der abschließende Umzug der Schulklassen erfolgen. Dazu schreibt Lehrer Weismüller: „Am 13.ten Januar 1873 wurde aus dem alten Schulgebäude in das neue übergesiedelt. Dem Lehrer ist als Schulwohnung gehörig der Raum des 2. Stockwerkes, der Speicher, Hof, der ganze Keller und die obere abgeschlossene Hälfte des Stalles mit Futterraum zugewiesen. Ferner steht dem Lehrer die Benutzung des an der alten Schule gelegenen Gartens zu. Schulhaus und Lehrzimmer lassen nichts zu wünschen übrig.“