Montag, 27. September 2021

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Begegnung mit dem Unfassbaren

Die Opfer der unfassbaren Hochwasserkatastrophe verdienen unsere Trauer und unser Mitgefühl, die Katastrophe selbst ist derzeit nicht in Worte zu binden. Er macht uns schlagartig bewusst: Derartige Lebenskrisen brechen zuweilen ganz unerwartet und unvorhersehbar über uns in unser Leben herein.

In solchen existentiellen Momenten zeigt sich, worauf unser Leben letztlich gebaut ist. Sind wir noch in der Lage, uns solchen tiefgreifenden, nie eingeplanten Umbrüchen zu stellen? Sind wir sozusagen darauf eingestellt, wenn solche unerwarteten Einschläge im Leben passieren?

Als Menschen von heute neigen wir dazu, diese Grenzsituationen gern im Alltag auszublenden Wir wissen, dass sie eintreffen, aber unsere Haltung ist die der Abwehr: „Bitte nicht bei mir!“, eben bei anderen. Wenn es aber einmal uns selbst trifft, dann erschlagen sie uns, und wir stehen ihnen wehrlos gegenüber. Um sie zu bewältigen, reichen dann nicht die Emotionen – weder Wut noch Angst noch der panische Aufschrei noch kollektives Mitleid.

Für diese Situationen haben Menschen früherer Zeiten vielfach Rituale und Formen entwickelt, die Ihnen halfen, existentielle Situationen zu bewältigen. Für sie gehörte die Antwort auf die Frage, wie es nach Leiden und Tod weitergeht, zu den festen Bestandteilen des Lebens und ihrer Weltsicht bzw. ihres Glaubens.

Indem wir heute nur allzu gern die Auseinandersetzung mit solchen existentiellen Situationen und somit auch mit der Frage, wie wir damit umgehen, im Alltag ausblenden, fehlt uns im Gegensatz zu ihnen der Zugang zu einer Antwort, die uns trägt. Solche Situationen werden dann allzu leicht zu „schwarzen Löchern“ in unserem Leben, die uns mit unwiderstehlicher Macht in Beschlag nehmen, aber keine lebensbejahende Antwort mehr bieten.

Wenn wir diesem immer wieder drohenden „Sog nach unten“ entgehen wollen, dann ist es wichtig,  dass wir innerlich darauf vorbereitet sind, dass Unfassbares bei uns einbrechen kann, wo und wann wir es nicht erwarten. Und dann rückt die Frage ins Zentrum des Lebens: „Was trägt mich noch, wenn gleichsam alles um mich herum zusammenbricht?“ – Der Leitspruch vieler Generationen vor uns bekommt hier sein Gewicht und seine Berechtigung: „Memento mori“: Denke daran, dass der Tod auch Dich jederzeit treffen kann – und sei darauf vorbereitet!

Friede der Toten – Trost den Hinterbliebenen

Olaf Erdmann