Freitag, 16. April 2021

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Analyse beleuchtet Wirtschaftsentwicklung im Corona-Jahr 2020

„Die rheinland-pfälzische Wirtschaft wurde durch die Corona-Pandemie und die Schutzmaßnahmen zu ihrer Eindämmung hart getroffen“, bilanzierte Marcel Hürter, Präsident des Statistischen Landesamtes, die Wirtschaftsentwicklung anlässlich der Vorstellung des Wirtschaftsberichts für das Corona-Jahr 2020. Das Bruttoinlandsprodukt sank nach vorläufigen Berechnungen des Arbeitskreises Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder preisbereinigt um 4,5 Prozent (Deutschland: minus 4,9 Prozent). Das ist ein schwerer Einbruch, der aber geringer ausfiel als in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 (minus 5,0 Prozent). „Im Vergleich mit den anderen Bundesländern liegt Rheinland-Pfalz im Mittelfeld“, erläuterte Marcel Hürter das Ergebnis. In jeweiligen Preisen verringerte sich die Wertschöpfung um 4,5 Milliarden auf 141,9 Milliarden Euro (minus 3,0 Prozent).

Industrie besonders schwer getroffen

Vor allem das Verarbeitende Gewerbe hat 2020 spürbar unter der Pandemie und ihren Auswirkungen gelitten. Die Bruttowertschöpfung der Industrie sank preisbereinigt um fast elf Prozent (Deutschland: minus zehn Prozent). Von den 24 Industriebranchen mussten 22 zum Teil erhebliche Einbußen bei ihrer Wirtschaftsleistung hinnehmen. Durch den kräftigen Rückgang sank der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung auf 22 Prozent; das ist ein historisch niedriger Wert. Vor fünf Jahren lag der Industrieanteil noch bei 27 Prozent, und Anfang der 1990er-Jahre hatte er noch bei 32 Prozent gelegen.

Der Gesamtumsatz im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Bergbau und der Gewinnung von Steinen und Erden brach 2020 um 8,9 Prozent ein (Deutschland: minus 8,8 Prozent). „Besonders hart traf die erste Welle der Corona-Pandemie die Investitionsgüterhersteller. In einer Krise steigt die Unsicherheit über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung, was besonders die Nachfrage nach Investitionsgütern hemmt. Hinzu kamen im Frühjahr durch die Unterbrechung nationaler und globaler Lieferketten Engpässe bei Vorprodukten. Daher mussten zahlreiche Hersteller ihre Produktion zurückfahren oder zeitweise sogar ganz einstellen“, erläuterte Hürter. Im April waren die Erlöse der Investitionsgüterproduzenten nur noch etwa halb so hoch wie im Vorjahresmonat (minus 49 Prozent). Trotz Erholung vor allem im dritten Quartal blieb ihre Jahresbilanz mit einem Umsatzeinbruch um 13 Prozent äußerst schwach (Deutschland: minus elf Prozent). Aber auch die Hersteller von Vorleistungsgütern mussten kräftige Einbußen hinnehmen (minus 7,7 Prozent; Deutschland:  minus 8,3 Prozent). Etwas besser lief das Geschäft der Konsumgüterhersteller (minus 5,3 Prozent; Deutschland:  minus 2,8 Prozent). Dabei könnte eine Rolle gespielt haben, dass die Nachfrage nach Konsumgütern im allgemeinen weniger konjunkturempfindlich ist als das Geschäft mit Investitions- oder Vorleistungsgütern. Zur Konsumgüterproduktion zählt unter anderem die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln, die gemessen am Umsatz unter den Industriebranchen in Rheinland-Pfalz an fünfter Stelle steht. Die Nahrungs- und Futtermittelindustrie konnte 2020 als einzige der zehn umsatzstärksten Branchen ihre Erlöse steigern (plus 3,2 Prozent).

Harte Folgen der Pandemie auch für die Dienstleistungsbereiche

Auch die Dienstleistungsbereiche verbuchten durch die Pandemie einen beträchtlichen Rückgang ihrer Wertschöpfung. „Mit minus 4,0 Prozent war die Einbuße so hoch wie noch nie in den 30 Jahren, für die es vergleichbare Ergebnisse gibt. Sie fiel aber wesentlich schwächer aus als im Verarbeitenden Gewerbe“, stellte Marcel Hürter fest. In Deutschland sank die Bruttowertschöpfung der Dienstleistungsbereiche noch etwas stärker (minus 4,3 Prozent). Die Dienstleistungen trugen 2020 zwei Drittel zur gesamten Wertschöpfung in Rheinland-Pfalz bei (Deutschland: 70 Prozent).

Von den Dienstleistungsbereichen verzeichnete der Teilsektor „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ den stärksten Rückgang. Seine Wertschöpfung verringerte sich preisbereinigt um 4,6 Prozent (Deutschland: minus 4,4 Prozent). Vor allem den Bereich „Sonstige Dienstleister“ traf es heftig (minus 12,0 Prozent). In diesem Bereich sind unter anderem die künstlerischen und unterhaltenden Tätigkeiten, Bibliotheken und Museen sowie die persönlichen und häuslichen Dienstleistungen zusammengefasst. Der Teilsektor „Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation“ schrumpfte ebenfalls (minus 4,1 Prozent; Deutschland: minus 4,9 Prozent). Grund dafür war vor allem der massive Einbruch im Gastgewerbe, das im Frühjahr und erneut am Jahresende zu weiten Teilen vom Lockdown betroffen war. Der Teilsektor „Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister, Grundstücks- und Wohnungswesen“ musste ebenfalls Einbußen hinnehmen (minus 3,1 Prozent; Deutschland: minus 3,8 Prozent). In diesem Bereich verbuchten insbesondere die Unternehmensdienstleister ein kräftiges Minus.

Rekordumsätze für das Baugewerbe

Das Baugewerbe kam gut durch die Krise; die Bautätigkeit wurde durch Corona nur wenig beeinträchtigt. Die preisbereinigte Bruttowertschöpfung im Baugewerbe wuchs sogar kräftig, und zwar preisbereinigt um 5,5 Prozent (Deutschland: plus 2,8 Prozent).

Im Bauhauptgewerbe stieg der Umsatz bei den Betrieben mit 20 und mehr tätigen Personen 2020 um 7,5 Prozent (Deutschland: plus 6,6 Prozent). Das bedeutet das fünfte Jahr in Folge mit einem Erlösrekord. Insbesondere im Wohnungsbau und im sonstigen öffentlichen Tiefbau entwickelten sich die Umsätze stark (jeweils plus 20 Prozent).

Im Ausbaugewerbe, dem anderen Bereich des Baugewerbes, war die Entwicklung verhaltener. Dennoch gab es auch hier 2020 einen neuen Umsatzrekord. Das Erlösplus gegenüber dem Vorjahr beträgt 1,9 Prozent (Deutschland: plus 6,9 Prozent).

Außenhandel: Exporte in europäische Länder sinken besonders stark

Der Außenhandel ist für die rheinland-pfälzische Wirtschaft von großer Bedeutung. Die Industrie erzielt mehr als die Hälfte ihrer Umsätze im Ausland. Der Wert der ausgeführten Waren ging 2020 infolge der Corona-Pandemie stark zurück. Besonders betroffen waren die Exporte von Investitions- und Vorleistungsgütern. Da sich das Coronavirus innerhalb kurzer Zeit weltweit ausbreitete, wurde der Warenaustausch mit der Mehrzahl der Handelspartner in Mitleidenschaft gezogen. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Ausfuhren in die europäischen Länder besonders kräftig gesunken (minus 10,4 Prozent; Deutschland: minus 8,8 Prozent). Die Einbußen bei den Ausfuhren nach Asien und nach Amerika waren geringer. Die Exporte in neun der zehn wichtigsten Abnehmerländer waren rückläufig; nur die Lieferungen in die Volksrepublik China stiegen kräftig (plus 13,5 Prozent). Dadurch machte das Land in der Rangliste der Handelspartner mit einer Verbesserung vom neunten auf den vierten Platz einen großen Sprung nach vorne. Wachstumstreiber bei den Exporten nach China waren Pharmazeutische Erzeugnisse, Nahrungs- und Futtermittel sowie Maschinen.

Preise

Das Preisniveau stieg 2020 nur leicht. Im Jahresdurchschnitt war der Verbraucherpreisindex für Rheinland-Pfalz um 0,6 Prozent höher als 2019. Lag die Teuerungsrate am Anfang des Jahres noch knapp unter der für die Geldpolitik bedeutsamen Zwei-Prozent-Marke, ließ der Preisdruck im Jahresverlauf deutlich nach. Begünstigt durch die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer waren die Verbraucherpreise in der zweiten Jahreshälfte sogar etwas niedriger als in den jeweiligen Vorjahresmonaten.

Unter anderem hatte die Entwicklung der Energiepreise merkliche Auswirkungen auf den Verbraucherpreisindex. Von März bis Mai gingen sie deutlich zurück und wirkten dämpfend auf die Teuerung. Währenddessen sind die Nahrungsmittelpreise vor allem während des ersten Lockdowns im Frühjahr kräftig gestiegen.

In neun der zwölf Abteilungen des Verbraucherpreisindex erhöhte sich 2020 das Preisniveau. In der Abteilung „Alkoholische Getränke und Tabakwaren“ zogen die Preise mit plus 2,7 Prozent am stärksten an. Im Bereich „Verkehr“ waren die Preise hingegen um 1,9 Prozent niedriger als 2019. Ein wesentlicher Grund dafür ist der kräftige Rückgang der Kraftstoffpreise. Bekleidung und Schuhe sowie Waren und Dienstleistungen aus dem Bereich „Post und Telekommunikation“ wurden ebenfalls günstiger angeboten als im Vorjahr.

Arbeitsmarkt: Erwerbstätigkeit sinkt erstmals seit 2009

In der Corona-Pandemie endete der langjährige Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbstätigen ging erstmals seit 2009 zurück. Sie sank um 1,4 Prozent auf 2,02 Millionen Personen (Deutschland: minus 1,1 Prozent). Der schon länger anhaltende Trend sinkender Selbstständigenzahlen hat sich in der Corona-Krise verschärft (minus 4,2 Prozent; Deutschland: minus 3,7 Prozent). Die rückläufige Zahl der Erwerbstätigen ist vor allem auf die geringfügige Beschäftigung zurückzuführen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur wenig (minus 0,5 Prozent), während die Zahl der geringfügig Beschäftigten um 6,8 Prozent abnahm.

Stabilisiert wurde die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung durch den massiven Einsatz von Kurzarbeit. Im Jahresdurchschnitt befanden sich nach Angaben der Arbeitsagentur 100 900 Personen aus konjunkturellen Gründen in Kurzarbeit. Als Folge des ersten Lockdowns wurde im April konjunkturelle Kurzarbeit für mehr als 218 000 Beschäftigte realisiert. Vor allem die starke Inanspruchnahme von Kurzarbeit trug dazu bei, dass das Arbeitsvolumen deutlich sank. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden verringerte sich 2020 um 129 Millionen auf 2,64 Milliarden (minus 4,6 Prozent; Deutschland: minus 4,7 Prozent). Dadurch sanken die geleisteten Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen um 45 Stunden auf nur noch 1 307 (minus 3,3 Prozent; Deutschland: minus 3,7 Prozent).

Trotzdem stieg im Corona-Jahr auch die Arbeitslosigkeit. Im Jahresdurchschnitt waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 117 900 Personen arbeitslos gemeldet – die höchste Zahl seit 2010. Gegenüber dem Vorjahr kam es zu einem starken Anstieg um 20 200 Arbeitslose bzw. 21 Prozent (Deutschland: plus 19 Prozent). Die Arbeitslosenquote nahm um 0,9 Prozentpunkte auf 5,2 Prozent zu. Sie liegt aber weiterhin deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 5,9 Prozent. Im Ländervergleich weisen bereits seit 2003 nur Bayern und Baden-Württemberg niedrigere Arbeitslosenquoten auf.

Die Nachfrage nach Arbeit sank 2020 spürbar. Der Bundesagentur für Arbeit wurden 31 000 offene Arbeitsstellen gemeldet. Das sind 8 500 Stellen bzw. 22 Prozent weniger als im Vorjahr (Deutschland: minus 21 Prozent).

Autoren: Dr. Ludwig Böckmann, Diane Dammers