Montag, 25. Oktober 2021

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Konstruktion der Extreme

Am 26. April jährt sich das Reaktorunglück von Tschernobyl zum 35. Mal. Nachdem der alte Sarkophag aus Beton der Belastung nicht standhielt, schirmt seit wenigen Jahren die neue Schutzhülle den havarierten Reaktor in Tschernobyl ab – eine bisher einzigartige Mammutaufgabe, die unter anderem von dem Koblenzer Unternehmen Kalzip entwickelt und umgesetzt wurde.

Herausforderungen sind für das Unternehmen Kalzip nichts Neues, denn die Einsatzgebiete erfordern häufig individuelle Lösungen. Besondere Technologien und Konstruktionen aus den Spezial-Projekten adaptiert man erfolgreich in die Serienproduktion und macht sie dort zum marktreifen Standard. Deshalb hat das Unternehmen auf die meisten Anforderungen mit ausgereiften Produktsystemen die passenden Antworten. Das nicht zuletzt auch auf Basis einer eigenen Maschinenfertigung, in der für den Produktionsprozess selbst entwickelt und produziert wird.

„Dank unseres Knowledge-Transfers in die Serienproduktion trägt ein Projekt wie beispielsweise der Sarkophag in Tschernobyl nicht nur zum Schutz des Reaktors bei, sondern führt zu einer kontinuierlichen Verbesserung unserer Produkte.“

Christoph Schmidt, CSO Kalzip GmbH

Ähnlich wie man es also aus der Formel Eins oder der Raumfahrttechnologie kennt, entwickeln die Koblenzer in einigen Fällen Material, Konstruktionen oder Systemanwendungen für extreme Bedingungen. Und das gewonnene Wissen fließt dann später in viele der Produkt-Bereiche mit ein. So kann das kürzlich mit dem Plus-X-Award* ausgezeichnete Produktsystem für die Sanierung »Vario LB« mit vielen Komponenten der Tschernobyl-Anwendung trumpfen. Und genau von diesen Synergien profitieren Architekten, Bauherren und Auftraggeber für öffentliche Gebäude wie Kitas und Schulen oder gewerblich genutzte Immobilien – – Know-how aus extremen Anwendungen für internationale Sportstadien, Flughäfen oder sogar dem neuen Sarkophag für Tschernobyl machen das Gebäudeprojekt vor Ort langlebiger und nachhaltiger.

„Anspruchsvoll waren in Tschernobyl nicht nur die technischen Aufgaben. Allein die Beschaffung des Rohmaterials in diesen Mengen und die Sicherstellung der Nachverfolgung jedes einzelnen unserer Bauteile auf der Schutzhülle, führte zu einem bisher nicht dagewesenen Dokumentationsaufwand, sowohl bei uns als auch bei unserem Kunden.“

Thorsten Klein, COO Kalzip GmbH

Natürlich sind die Zahlen und Fakten rund um die neue Schutzhülle von Tschernobyl beeindruckend und lassen erkennen, welche technologische Höchstleistung von allen Beteiligten notwendig war, um das bis dato »größte mobile Bauwerk der Welt« zu realisieren. Aber dieses Projekt forderte auch auf ganz andere Art und Weise. Allem voran natürlich die Skepsis gegenüber der Strahlenbelastung auf der Baustelle. Schließlich fanden die Montagearbeiten in unmittelbarer Nähe des Reaktors statt. Bedenken, die das Unternehmen Kalzip durch größte Schutzmaßnahmen und Aufklärungsarbeit weitgehend beilegen konnten. Aber auch die äußerst aufwendige Koordination vor Ort war neu. Als Teamplayer war man sich der großen Verantwortung in diesem internationalen Projekt bewusst.

In Summe erhält auch das Thema Nachhaltigkeit hier eine völlig andere Dimension. Während die ökologische Perspektive von unseren Auftraggebern üblicherweise auf Materialparameter, Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit fokussiert, spielen im Tschernobyl-Projekt plötzlich auch Fertigungsqualität, Langlebigkeit und Stabilität eine Rolle – 100 Jahre Schutz durch die neue Außenhülle ist das Ziel.

Die Reaktor-Schutzhülle hat den Technologieführer gefordert – aber nicht überfordert. Vielmehr hat man Kompetenzen unter Beweis stellen dürfen, die ohnehin eine wichtige Rolle in der Unternehmenskultur und Produktqualität spielen. So konnten extreme Anforderungen später auch extrem gute Serienprodukte einfließen.

*Plus-X-Award

Der Plus-X-Award ist der weltweit größte Innovationspreis für Technologie, Sport und Lifestyle. Er wird von einer Expertenjury an besonders innovative Marken verliehen. Wer ihn gewinnt, steht in einer Reihe mit Unternehmen wie Abus und Adidas, Zwilling und Zeiss. 2020/21 wurde das neue Vario LB System in vier (Innovation, High Quality, Handling und Funktionalität) der insgesamt sieben Kategorien ausgezeichnet.